Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt/ The Truth of Praise and Blame

Einmal saß ich unter Ajahn Cha’s Hütte, um ihm bei den täglichen Putzarbeiten aufzuwarten, als gerade eine Gruppe von Gästen aus Bangkok eintraf. Im Laufe des Gesprächs mit ihnen zeigte Ajahn Cha auf mich und sagte: “Der dort ist noch nicht lange hier und spricht schon sehr gut Thailändisch und Isaan-Dialekt!” Sich zu mir drehend fragte er: “Hab ich recht?”

“Ja, Ehrwürdiger Ajahn!” antwortete ich. Mit strahlendem Lächeln wandte er sich den Gästen zu und sagte: “Na, seht ihr was ich meine!”
Ich glaube, wohl noch nie in meinem Leben war ich so stolz auf mich wie in diesem Augenblick.


Nachdem alle Gäste wieder gegangen waren, nahm Ajahn Cha seine falschen Zähne heraus – die rot mit Betelnuss-Saft beschmiert waren – und hieß mich an, sie mit Sand gründlich zu reinigen. Als ich sie sauber geschrubbt hatte und ihm überreichte, sprach er etwas zu mir in sehr schnellem Isaan-Dialekt. Selbst wenn er seine Zahnprothesen trägt, kann ich ihn schon kaum verstehen, und ohne Gebiss im Mund hatte ich daher kein einziges Wort verstanden. Er runzelte die Stirn und beschwerte sich bei den anderen Mönchen über meine schlechten Sprachkenntnisse.
Niemals in meinem Leben, glaube ich, hatte ich mich so entmutigt und beschämt gefühlt wie in diesem Moment.

Genau auf diese Weise lehrte mich Ajahn Cha die Wahrheit über Lob und Tadel.

Ajahn Jayasaro

Chinese translation artwork by Shitou 石头

Zeitunterschied/Different Times

Je intensiver unsere Emotionen, desto größer ist der Unterschied zwischen unserer gefühlten Zeit und der Zeit gemessen an einer Uhr. Leiden wir, kann sich eine einzige Minute wie eine Stunde anfühlen. Sind wir glücklich, kann eine Stunde wie eine Minute erscheinen.

Viele Laienbuddhisten sammeln kammische Verdienste durch gute Taten und Werke, um nach dem Tode eine Wiedergeburt in den Himmelsbereichen zu erlangen.
Es heißt, die Lebensspanne der Himmelswesen kann viele Millionen Jahre lang sein. Aber dies ist gemessen an der Uhr-Zeit. In der eigenen Erfahrung eines Himmelwesens kann es sich tatsächlich nur wie eine kurze Weile anfühlen. Wiedergeburt in himmlischen Bereichen anzustreben, indem man gute Taten verrichtet, ist nicht gerade falsch, aber es ist sehr kurzsichtig. Wenn unsere Zeit im Himmel abgelaufen ist, verbleibt nachwievor die Arbeit zu tun, uns von unseren Verblendungen zu befreien. Alle Arten von Himmelsbereichen sind einfach nur sehr angenehme Urlaubsstationen.

Ajahn Jayasāro

Prahlsucht/Boasting

Der Buddha lehrt uns, dass das Verlangen anzugeben, zu protzen oder zu prahlen, indem wir versuchen, die Wahrnehmung anderer Leute auf uns zu verbessern oder zu manipulieren, eine geistige Verblendung darstellt. Heutzutage geben die sozialen Medien dieser Prahlsucht einen riesigen Aufschwung. Die Prahlerei nun als »Teilen« zu bezeichnen, macht sie nicht weniger Prahlerei. Genauso macht es sie nicht weniger, nur indem wir einer Angeberei noch einen bescheidenen Kommentar hinterher schieben.

Was zählt ist die Absicht, die Intention. Wenn du das Gefühl hast, ein Foto von dir retuschieren zu müssen, um Hautunreinheiten zu verbergen oder um dünner oder attraktiver auszusehen, musst du dich fragen, warum du dies tun musst. Du musst den Grund dafür untersuchen.

Achtsam zu sein heisst nicht nur, im gegenwärtigen Moment zu sein; es bedeutet auch, zu wissen, ob deine Absichten heilsam oder unheilsam sind, um dann dementsprechende Anstrengungen zu unternehmen, das Unheilsame aufzugeben und das Heilsame zu fördern.

Ajahn Jayasāro

Entgiftungs-Kur/ Detox for the mind

An jedem Vollmond- und Neumondtag, d.h. ca. alle 15 Tage, werden Laienbuddhisten dazu ermutigt, die Acht Verhaltensregeln auf sich zu nehmen.

In moderner Sprache könnte man dies auch als ‘Detox‘, Entgiftungskur, bezeichnen. Für einen Tag und eine Nacht verzichtet die Person, die dieser Praxis folgt, auf essen nach Mittag, auf jede Form sexueller Aktivität, auf jede Art körperlicher Beschmückung, sowie auf alle Formen der Unterhaltung. Das bedeutet, keine sozialen Medien, kein Internet, keine Videospiele, und keine Musik. Das vorübergehende Getrenntsein von diesen Dingen bietet uns eine Gelegenheit zu beobachten, inwieweit diese Aktivitäten unseren Geist schon mit Giftstoffen verseucht haben. Wenn wir sehen, dass sie das tun, können wir darüber nachdenken, wie wir eine gesündere Beziehung zu ihnen aufbauen können. Gleichzeitig erlaubt uns die Enthaltsamkeit von diesen Aktivitäten, uns Zeit zu nehmen, uns dem spirituellen Wohlbefinden zu widmen: Dhamma-Bücher lesen oder Dhamma-Vorträgen lauschen, chanten und meditieren.

Buddhistische Praktizierende werden dazu ermutigt, für mindestens zwei Tage im Monat, die Arbeit der geistigen Kultivierung allen anderen Aktivitäten voranzustellen.

In diesem Jahr sehen sich Menschen auf der ganzen Welt unfreiwillig der Situation ausgesetzt, von den Dingen getrennt zu sein, die ihnen Freude und Sinn im Leben geben. Eine natürlich nicht einfache Situation. Aber gleichzeitig kann sie auch eine Chance zur spirituellen Entgiftung bieten. Man hat Zeit, um sein Leben und seine Ziele einmal gründlich zu überdenken. Wir mögen uns vielleicht zum ersten Mal in unserem Leben die Frage stellen, was in unserem Leben wirklich von Bedeutung ist. Damit ist der erste Schritt hin zur Weisheit getan.


Ajahn Jayasaro

Chinese Artwork by Shitou 石头

Mit “Nie” und “Immer” wird alles schlimmer / ‘You are ALWAYS like that, and you NEVER listen to me’

Nehmt euch bitte vor Wörtern in Acht, die die Wahrheit der Vergänglichkeit und Eventualität ignorieren, wie die Wörtchen “immer” und “nie“, besonders wenn sie Personalpronomen folgen. 


Zum Beispiel:

“Ich … immer…” / Ich… nie…”


“Du…immer…” / “Du….nie…”


“Sie/Er…immer…” / “Sie/Er…nie…”. 

“Sie…immer…” / “Sie…nie….”


So viel Ärger, Frustration und Niedergeschlagenheit haben sich aus der unklugen Benutzung dieser Worte ergeben. Starke Emotionen provozieren uns oft dazu, sowohl in unserem Denken als auch in unserer Sprache mit absoluten Begrifflichkeiten um uns zu werfen. Mit solchen Übertreibungen jedoch geraten wir unmittelbar auf die Abwege der Verblendung. Im Umgang mit unserer Sprache achtsam, vorsichtig und präzise zu sein, ist keinesfalls pedantisch. So viele Konflikte und so viel Leiden kann dadurch verhindert werden.

Ajahn Jayasaro

Milarepas Hinterteil/ The sacred buttocks

Eine meiner Lieblingsgeschichten über den großen tibetischen Meister Milarepa betrifft seine letzten Worte, die er zu seinem Schüler und Dhamma-Erben, Gampopa, sprach.

Als Gampopa sich nach vielen Jahren harter Übung endgültig von seinem Meister verabschiedete, bat er um den Segen einer letzten Belehrung. Zu seiner Bestürzung jedoch weigerte sich Milarepa und sagte: “Was du brauchst ist mehr Anstrengung und nicht noch mehr Lehren.”

Aber als Gampopa den schmalen Bach vor der Höhle seines Meisters überquerte, und wusste, dass er ihn nie wieder sehen würde, rief ihm Milarepa auf einmal zu: “Warte, ich habe noch eine letzte, sehr tiefe und geheime Lehranweisung für dich!”

Voller Freude drehte sich Gampopa um. In diesem Moment bückte sich Milarepa, zog sein zerlumptes Gewand hoch und entblößte sein nacktes Gesäß voller Schwielen und Pockennarben so dick wie ein Pferdehuf:

Beweis für ein Leben in Sitzmeditation auf nacktem Fels: “Sohn meines Herzens”, rief er, “dies ist meine letzte Anweisung. Tu es einfach.”

Ajahn Jayasaro

Ajahn Jayasaro erhält Thai-Staatsbürgerschaft/ Ajahn Jayasaro receives Thai citizenship

Ajahn Jayasaro, unter besonderer Berücksichtigung seines wertvollen Beitrags unter anderem zur buddhistischen Lehre und des thailandischen Erziehungssystems, wurde ihm von seiner Majestät, dem König von Thailand🇹🇭, am 9. März, die thailändische Staatsbürgerschaft verliehen.

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Ajahn Jayasaro, on a special consideration of his valuable contribution to the Buddhist teachings and the Thai education system, is conferred Thai citizenship by his majesty the King of Thailand 🙏🙏🙏🇹🇭😊.

https://www.prachachat.net/general/news-429982

Angst! …Von mir aus renn doch “ruhig”/ Give fear a space

Stellt euch vor, ihr wärt in einem geschlossenen Raum mit einem zutiefst verängstigten Tier gefangen.

Die Kreatur heult, jammert und wimmert. Sie wirft sich mit voller Wucht gegen die Wände.  Sie uriniert und defäkiert auf den Boden. Die ganze Erfahrung ist jetzt ein einziger Albtraum.

Nun stellt euch aber in einem weitläufigen Park vor. Gras und Bäume so weit das Auge reicht. Das Tier rast nach wie vor im Kreis und heult lautstärk. Nach einer Weile allerdings wird es langsamer. Es beginnt sich zu entspannen. Schließlich legt es sich hin, um sich im kühlen Schatten auszuruhen.

Für einen ungeübten Geist kann sich das Erleben von Angst anfühlen, als wäre man mit einem in Panik geratenen Tier eingesperrt.

Dhamma zu praktizieren, bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass die Angst nicht mehr aufsteigt.  Eher ist es so, dass wir den Raum um sie herum vergrößern. Die Angst nimmt ihren normalen Verlauf und kommt dann zur Ruhe.  Dies können wir erreichen, indem wir unser aufmerksames Gewahrsein in unserem Körper verankern. Wir kümmern uns darum, unsere Atmung normal zu halten.  Danach stellen wir ein entspanntes Gewahrsein für die Empfindungsmuster her, die von Kopf bis Fuß den gesamten Körper durchziehen.

Wir gestalten den Körper in einen weitläufigen Park.  Wir müssen nicht mehr mit der Angst kämpfen. Wir lassen sie einfach auslaufen und zur Stillung kommen.

Ajahn Jayasaro

Die große Unverlässlichkeit/Turning of the Tides

Als ich zum ersten Mal Ajahn Chahs Lehre über Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit sowie von der Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit hörte, war ich zutiefst ergriffen. Denn genau dies waren einige der wichtigsten Lektionen, die ich in den vorangegangen paar Jahren lernen durfte. Hier ein Beispiel um es euch zu veranschaulichen: Es war 1976, als ich als 18-jähriger mit glattem Milchbübchengesicht gerade in Mashhad im Nordosten Irans unterwegs war, und versuchte per Anhalter nach Teheran zu trampen. Am späten Nachmittag dann auf einmal wurde ich vom Glück geküsst: Ein riesiger Container-Lastwagen machte halt. Und von einem Moment auf den anderen fand ich mich auf einem luxuriösen Sitz in einer klimatisierten Fahrgastzelle wieder. Dieses Upgrade fühlte sich so gut an, in starkem Kontrast zu den vorher gewohnten schäbigen Lastkarren und Motorrollern. Aber später in jener Nacht, als wir gerade eine Bergkette überquerten, parkte der Fahrer plötzlich am Seitenstreifen der Bergstraße. Er bestand darauf, dass wir die Nacht zusammen im Bett hinter den Sitzreihen verbringen! Als ich mich allerdings vehement weigerte, wurde er gewalttätig. Nach einem kurzen Abwehrkampf, schaffte ich es irgendwie, die Tür zu öffnen und sprang auf die Straße. Fluchend, sprang er mir hinterher, aber ich konnte mich schnell tiefer im dunklen Wald hinter Bäumen verstecken. Wutentbrannt fuhr er davon und ließ mich allein in der Dunkelheit und Kälte zurück. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiter entlang der Straße zu laufen, um mich irgendwie warm zu halten.

Nach ungefähr einem Kilometer, erblickte ich ein Restaurant. Ich ging um das Gebäude herum und suchte nach einem offenen Fenster, aber es gab keines. Da bemerkte ich auf einmal einen großen Perserteppich, der an einer Außenwand lehnte. Ich hatte eine Idee. Ich rollte ihn im Hinterhof aus und legte mich darauf. Ein Ende des Teppichs greifend, rollte ich mich komplett in den Teppich ein, und machte mir so ein warmes, gemütliches Nest. Nicht lange und ich schlief wie ein Murmeltier. Früh am nächsten Morgen machte ich mich dann wieder auf den Weg entlang der Straße. Aber es waren immernoch sehr wenige Autos unterwegs und ich war nicht gerade optimistisch eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern.

Jedoch hielt schon das zweite Auto an. Es war eine Familiengruppe. Und ehe ich mich versah, saß ich im Auto und teilte ein Frühstück mit drei süßen Kindern: “Ahhhh!” dachte ich innerlich, “Happy End einer wirklichen Horror-Nacht”. Und dann, nicht mehr als 10 Kilometer den Berg hinunter, hatte das Auto eine Panne. Es war ernst und es würde Stunden dauern, bis Hilfe eintraf. Wiederwillig verabschiedete ich mich und lief mal wieder die Straße entlang. “Nun”, dachte ich bei mir, “man kann wirklich, aber auch wirklich nichts für selbstverständlich halten!”

Ajahn Jayasaro

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