Wasserwellenwasser / Stillness Flowing

Innere Stille weist den Weg,

mach sie dir zum Freund.

Innere Bewegtheit mag dich ablenken,

lass sie nicht zu deinem Feind werden.

Die stille Tiefe des Ozeans

und die kräuselnden Wellen an seiner Oberfläche

bestehen beide aus Wasser.

Die innere Stille und die Bewegung

sind beides Manifestationen des Geistes.

Richte deine Aufmerksamkeit auf den Geist an sich

und sowohl deine Faszination

als auch deine Abneigung

gegen das Denken

werden verschwinden.

Ajahn Jayasaro

Wissenschaftsglaube? / Scientific Faith?

Wenn jemand behauptet, er glaube nicht an eine religiöse Lehre, klingt die Person (und sieht sich selbst dabei als) vernünftig und rational.

Dass sie nicht an diese Sache glaubt, begründet sie damit, dass sie sich entschieden hat, ihr Leben auf der Grundlage wissenschaftlicher Prinzipien zu leben. Nur Fakten und objektive Beweise sind gut genug für sie. Sie lassen sich von keinem zum Narren halten.

Im Allgemeinen wird jedoch übersehen, dass in den meisten Fällen der Glaube an eine Sache von einem unbewussten Glauben an etwas anderes abhängt.

Und die andere Sache ist wahrscheinlich genau so wenig auf Beweise gestützt, wie der Glaube, den sie leugnen.

Hier ein Zitat von einem meiner Lieblingsautoren, B. Alan Wallace:

“… (D)a Wissenschaftler nicht erklärt haben, was genau den Urknall katalysiert hat oder wie das Leben begann, was den Ursprung des Bewusstseins im Universum bedingt oder die Quelle des Gewahrseins in einem Fötus ist, ist es falsch anzunehmen, dass diesen Phänomenen rein physikalische Ursachen zugrunde liegen.

Dennoch gehen viele Wissenschaftler routinemäßig davon aus, dass es für alles in der Natur physikalische Erklärungen geben muss. Dabei vermischen sie metaphysische Spekulationen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.”

Ajahn Jayasaro

Der Meister testet seine Schüler / Test of the right understanding

Der streng dreinblickende Meister testete seine Schüler auf ihr Verständnis von Unbeständigkeit und Unvorhersehbarkeit bedingter Phänomene:

“Mögen?”

“Nicht sicher!”

“Nicht mögen?”

“Nicht sicher!”

“Liebe?”

“Nicht sicher!”

“Hass?”

“Nicht sicher!”

“Aufregung?”

“Nicht sicher!”

“Depression?”

“Nicht sicher!”

“Vorfreude?”

“Nicht sicher!”

“Langeweile?”

“Nicht sicher”.

“Ajahn Jayasaro’s handschriftliche Dhamma-Reflexionen?”

“Jeden Dienstag und Samstag!”

“Ajahn Jayasaro’s handschriftliche Dhamma-Reflexionen?”

“Nicht sicher!”

Der Lehrer lächelte.

Ajahn Jayasaro

(Geschrieben und gepostet das erste mal mit einem Tag Verspätung)

Schlüssel zum Neujahrsglück / A Key to True Year Blessings

“Ein weiteres Jahr ist also vergangen. Es war ein sehr schwieriges Jahr, für alle, denke ich. Aber was ich heute gerne mit euch teilen möchte, ist der Hinweis, dass Schwierigkeiten, Herausforderungen und Probleme, nicht unbedingt zu Leiden führen müssen. 

Zumindest aber können wir die Menge des Leidens in unserem Leben reduzieren und die Menge des Glücks erhöhen, indem wir Verantwortung für unseren Körper, unsere Sprache und unseren Geist übernehmen. Das ist etwas, was wir alle tun können. Und wenn wir uns wirklich genau beobachten, werden wir sehen, dass ein Großteil unseres Leidens darin besteht, dass wir über die Probleme nachdenken und uns wegen ihnen Sorgen machen, anstatt uns mit den Problemen selbst zu beschäftigen. Gehen wir die tatsächlichen Problemen an, haben wir nicht wirklich eine Wahl: Ein Schritt nach dem anderen, eine Sache nach der anderen. 

Jedoch ist es das Grübeln an sich, das Erwarten, Hoffen, das sich Sorgen machen, der ganze mentale Stress, der heutzutage das Leben der Menschen so miserabel macht. Zudem macht es die schlechten Dinge noch um einiges schlimmer, als sie eigentlich sein müssten.

In diesem neuen Jahr möchte ich deshalb jeden dazu ermutigen, zu seinem Körper und zu seinem Geist zurückzukehren und zu lernen, wie man sich um beide wahrhaftig kümmert. Denn genau das ist es, was zu einem glücklichen neuen Jahr führen wird. 

Betrachte ich zum Beispiel meinen eigenen Geist, sehe ich deutlich, dass ich mich immer dann richtig gut fühle, wenn ich über die Freundlichkeit und Güte anderer nachdenke, über die Großzügigkeit anderer, über all das, wovon ich profitiert habe, von meinen Eltern, meinen Lehrern, meinen Freunden, meinen Schülern. 

Es ist wie ein Schlüssel zum Glück. Genau in den Momenten, in dem man seine eigene Selbstbezogenheit einmal zurücksteckt und über all das nachdenkt, was einem im Leben von andere gegeben wurde, fühlt man sich einfach direkt glücklich. 

Aber im Moment, in dem wir einen Gedanken oder eine Erinnerung aufgreifen und eine Geschichte daraus spinnen, wird alles so real und es scheint, als würden wir vom Schmerz und den Schwierigkeiten in unserem Leben vollständig verzehrt. 

Wenn wir aber genau hinschauen, können wir sehen, dass der ganze Prozess mit dem Aufspringen und Festhalten eines einzigen Gedankens beginnt. Ist aber unser Geist scharf, hell und klar genug, müssen wir das ganze jedoch nicht tun. Es ist, als ob jemand an der Tür klopft, man muss ja nicht aufmachen. Man muss nicht mit der Person kämpfen, die da an die Tür klopft. Man muss die Tür nicht öffnen. Man ist sich des Klopfens bewusst und lässt es vorbeiziehen. 

Wir befinden uns gerade in Zeiten unglaublicher und rasanter Veränderungen und viele davon sind nicht so angenehm. Aber wir alle verfügen über die inneren Ressourcen, um mit dem umgehen zu können, was das Leben uns entgegen wirft, wenn wir nur bereit sind, Zeit und Energie in ihre Kultivierung zu investieren. 

Deshalb wünsche ich euch allen die Hingabe und den Enthusiasmus zu eurem eigenen wahren Wohlbefinden und hoffe, dass ihr die Zeit und Inspiration findet, euch wahrlich um euren Körper, eure Sprache und euren Geist zu kümmern. 

Ich wünsche euch allen nur das Beste für das kommende neue Jahr. “

Ajahn Jayasaro

Magie der Prinzipientreue/ Inspirational Power Of Precepts

Kürzlich erzählte mir ein Mönch von einem Erlebnis, das er auf einer seiner Mönchs-Wanderungen durch die ländlichen Regionen Europas hatte.

Er sagte, dass eines Tages auf dem Almosengang in einer kleinen Stadt ein Mann mit Geldstücken in der Hand sich zielstrebig auf ihn zu bewegte.

Der Mann nahm an, dass der Deckel der Almosenschale des Mönchs einen Schlitz haben müsse, wie eine Spardose, und beabsichtigte, eine Spende zu tätigen.

Als aber der Mönch ihm mitteilte, dass er kein Geld entgegennehmen könne, wollte der Mann ihm nicht glauben – vielleicht dachte er, würde der Mönch eine falsche Frömmigkeit vortäuschen: ‘Nein, nein. Das kann ich doch wirklich nicht annehmen!’, und er fuhr fort, nach dem Schlitz zu suchen.

Ein kleiner Kampf um die Hoheit der Schale entbrannte.

Schließlich akzeptierte der Mann, dass der Mönch tatsächlich entschlossen war, die Geldspende zu verweigern.

Als er dies erkannte, wurde er sehr bewegt und Tränen füllten seine Augen.

Niemals hätte er sich träumen lassen, dass es in dieser modernen Welt noch immer Menschen gibt, die ein unverbindliches Geldgeschenk ablehnen würden. Daraufhin eilte er zum nahegelegenen Supermarkt, um dem Mönch dafür Lebensmittel zu kaufen.

Nicht nur Mönche können Menschen mit ihrem Verhalten inspirieren – sondern auch Nicht-Buddhisten – indem sie einfach ihre ethischen Verhaltensregeln, oder auch Tugendprinzipien genannt, einhalten und versuchen, die Lehren des Buddha in ihrem täglichen Leben so gut wie möglich anzuwenden.

Wir alle können den Dhamma verbreiten, indem wir ehrlich, großzügig, freundlich und rücksichtsvoll sind, achtsam und voll innerer Ruhe.

Ajahn Jayasaro

Ein Geschenk von Aj Jayasaro an die Mutter des erwähnten Mönches / A personal gift from Aj Jayasaro to the mother of that monk
Vielleicht hat sie doch nicht soviel falsch gemacht bei seiner Erziehung 😉 / Maybe after all she didn’t do too much wrong in his upbringing 😉

Geschenk für die Welt/ True Gift to the World

Die meisten Besucher des Museums von Wat Nong Pa Pong gehen direkt hoch in den dritten Stock. Dort nämlich befindet sich das wohl wertvollste Exponat des Museums: ein beeindruckend realistisches, lebensgroßes Modell von Ajahn Chah.

In den Klöstern Thailands sind viele Statuen und Gemälde von Ajahn Chah zu finden. Aber keines von ihnen hat auch nur einen Bruchteil der Wirkkraft dieser Statue.

Gestern half ich mit, sie ins Erdgeschoss zu tragen, um sie zum Mittelpunkt einer Sonderausstellung zu machen.

Während mich alte Erinnerungen durchfluteten, war ich den Tränen nahe.

Als mir all die Dinge, die ich von meinem Lehrer erhalten durfte, in den Sinn kamen, traf mich eine Erinnerung besonders gewaltig: Vom Moment an, als ich ihn das erste mal traf, war mir unweigerlich klar, dass ich nie wieder aufgrund der Gier, dem Egoismus, der Grausamkeit und der Dummheit meiner Mitmenschen verzweifeln würde.

Denn in seiner Gegenwart zu sein, bedeutete, von dem menschlichen Potenzial für Frieden, Mitgefühl und Weisheit überzeugt zu sein.

Die Welt, so schlussfolgerte ich, ist sicherlich ein einziges Chaos, aber wenn man den Lehren des Buddha und seiner großen Schülern folgt, besteht immer noch die Hoffnung, dass sie weit besser sein kann, als sie ist.

Ajahn Jayasaro

Stein von Herzen/ The Weight of Kindness

Vor vielen Jahren pilgerte ich einmal von Bodhgaya, wo der Buddha Erleuchtung erlangte, nach Sarnath, wo er seine erste Lehre gab. Ich wählte einen längeren Weg, abseits der viel befahrenen Autobahnen. Während ich so durch die abgelegenen Landschaften Indiens lief, fühlte ich große Begeisterung in mir aufsteigen: So muss es sich wohl angefühlt haben, zur Zeit des Buddha Mönch zu sein. Aber leider war die moderne Welt dann doch nicht so weit entfernt. Ich hatte ein Flugticket in der Tasche und ein Zeitlimit einzuhalten.

Auf dem letzten Teil der Reise lief ich eines Nachts entlang der Eisenbahnschienen, als ich zwei Gleisarbeitern begegnete. Sie  überprüften gerade die Gleise und sagten, es sei gefährlich, nachts entlang der Schienen zu laufen. Sie bestanden darauf, mich bis zum nächsten Bahnhof zu begleiten. Dort luden sie mich ein, die Nacht mit ihnen in einem Betonschuppen am Ende des Bahnsteigs zu verbringen. Es war eine bitterkalte Nacht, und so akzeptierte ich. Einer der Männer verschwand plötzlich. Dann einige Minuten später, kam er mit einem schüchternen Lächeln auf dem Gesicht und einem großen Ziegelstein in den Händen in den Schuppen zurück. Mit großem Respekt offerierte er mir den Ziegelstein, zeigte auf meinen Kopf und sagte “Kopfkissen”.

Es war eines der herzerwärmendsten Geschenke, die ich je erhalten habe.

Solchen Taten der Gutherzigkeit wohnt etwas so unglaublich wunderbares inne. Zwar denke ich nicht, dass irgendeinem meiner Leser jemals ein Steinkissen geschenkt wurde, aber ich bin mir sicher, dass jeder irgendwann einmal mit unerwarteter Freundlichkeit behandelt wurde.

Sich solcher Gelegenheiten zu erinnern und sie sich ins Bewusstsein zu rufen, kann einen aufgeregten Geist zur Ruhe bringen und uns zur Zeiten der Niedergeschlagenheit wieder mit Freude erheitern.

Ajahn Jayasaro

Selbst-Trickserei/ Self-deception

Die meisten Menschen sehen gerne Zaubertricks. Immer wieder können wir sie anschauen, ohne uns zu langweilen. Ob wir weiterhin Freude an einem Trick haben, hängt davon ab, dass wir nicht in der Lage sind, herauszufinden, wie er gemacht wird. Wir wissen, dass es sich dabei um einen geschickten Trick handelt. Aber unsere Augen sind nicht schnell genug, den Trick zu erkennen. Wir sind fasziniert.

Aber nehmen wir an, jemand verrät uns, wie der Trick gemacht wird. Wir sind enttäuscht. Ist das etwa schon alles? Sobald er erklärt worden ist, scheint die Täuschung so offensichtlich. Wir fragen uns, wie wir die Trickserei übersehen konnten. Sobald wir wissen, wie der Trick ausgeführt wird, wollen wir ihn nicht wieder sehen.

Samsāra ist wie ein Zaubertrick.

Wir verstricken uns immer wieder darin. Als Buddhisten haben wir vielleicht gelernt, dass die fünf Aggregate von Form, Gefühl, Wahrnehmung, mentalen Formationen und Sinnesbewusstsein nicht unser Selbst konstituieren, aber trotzdem können wir es nicht direkt sehen.

Zu überzeugend ist die Illusion des Selbst.

Aber für diejenigen, die den Achtfachen Pfad beharrlich praktizieren, kommt der Tag, an dem ihr Einsichtsblick scharf genug ist, um die Täuschung wahrlich zu erkennen.

Jetzt scheint es so offensichtlich. Nibbidā (Entreizung) entsteht. Die Faszination ist weg.

Sie wissen deutlich, dass sie nicht noch einmal getäuscht werden.

Ajahn Jayasāro

Mehr Kamma als man denkt/ Old Kamma, new Kamma

Liest man über das Unglück eines anderen, kommt einem darüber ein bestimmter Gedanke in den Sinn.

Aber warum gerade dieser Gedanke?

Es ist eine Frage des Kamma.

All unsere vorsätzlichen Handlungen, all unser Reden und Denken in der Vergangenheit werden ‘altes Kamma’ genannt.

Der Gedanke, der spontan in der Gegenwart auftaucht, ist durch dieses Kamma bedingt. Wenn man beispielsweise die Person kennt und in der Vergangenheit mit freundlichen Gedanken über sie gedacht und gut über sie gesprochen hat, dann könnte unsere erste Reaktion sein: „Oje, ich hoffe, ihr geht’s bald wieder besser!“.

Aber vielleicht kennt man diese Person und kann sie nicht leiden, hat lange Zeit mit Zorn und Verachtung im Geist über sie nachgedacht sowie mit Wut und Abneigung über sie gesprochen. In diesem Fall überrascht es also nicht, dass in jenem Moment, wenn wir vom Unglück dieser Person hören, unsere erste Reaktion negativ ist: „Geschieht ihnen recht!” oder “Ich hoffe, sie werden mal richtig schön leiden!“

Eure mentale Antwort auf diese erste Reaktion im Geiste schafft erneutes geistiges Kamma, da diese Antwortreaktion Intention beinhaltet.

Falls die Anfangsreaktion positiv ist, könnte sie zu einem heilsamen Gedankengang führen, der sich der Frage widmet: “Wie könnte ich dieser armen Person helfen?” Auf diese Weise wird gutes neues Kamma geschaffen. Wenn die Reaktion negativ ist und man sich in Gedanken über den Schmerz der ungeliebten Person erfreut, dann entsteht schlechtes neues Kamma.

Falls man jedoch den anfänglichen Gedanken als toxisch erkennt und ihn aufgibt, wird gutes Kamma geschaffen.

Kurz gesagt, die Ergebnisse unserer vergangenen Handlungen von Körper, Sprache und Geist sind gegeben. Die Frage ist, wie wir mit diesen Ergebnissen umgehen. Es liegt in der Qualität unserer Antwort, wie wir uns selbst in dieser Welt erschaffen, Moment für Moment.

Ajahn Jayasaro

Freude wenn Güte gelobt/Kindness praised

Kürzlich wurde einer meiner Schüler für seine Güte gelobt. Daraufhin spürte er sofort ein warmwohliges Gefühl im Herzen. Später aber fragte er sich, ob seine Reaktion wohl eine geistige Befleckung war.

So stellte er mir die Frage, ob wirklich weise Menschen Freude empfinden, wenn sie gelobt werden.

Ich antwortete ihm, dass die weisen Menschen, die ich kenne, sich nicht als Eigentümer ihrer guten Eigenschaften sehen. Sie sehnen sich also nicht nach Lob für ihre Güte oder hängen sich nicht daran.

Jedoch können sie diejenige Art von Freude erfahren, die Gärtner empfinden mögen, wenn jemand die Schönheit der Blumen in ihren Gärten lobt.

Ajahn Jayasaro

Kein Verstecken mehr vor sich selbst / Nowhere to hide from your self

Wenn Laienmeditierende für eine längere Zeit in ein Kloster gehen, um sich zurückzuziehen, haben sie oft das Gefühl, dass ihre Praxis eher schlechter als besser wird. Sie können zum Beispiel sehr kritisch gegenüber ihren Mitmenschen in ihrer Umgebung werden. Sie können von Dingen besessen sein, von denen sie zu Hause – wie sie sagen – ganz leicht loslassen könnten.

Im Kloster aber scheinen all ihre Fehler verstärkt zu werden. Manche Menschen verlieren deshalb den Glauben in die buddhistische Geistesschulung, andere verlieren den Glauben an sich selbst.

Wenn man sich in dieser Art von Zweifel verfangen hat, ist die erste Zuflucht – Geduld. Buddhistisches Training – in der bekannten Analogie – ist kein Hundert-Meter-Sprint. Es ist nicht einmal ein Marathon. Es ist eher wie eine Vielzahl von Ultramarathons, einer nach dem anderen. Aber das ist nur dann ein Problem, wenn man glaubt, man hätte etwas Besseres mit seinem Leben anzufangen. 

Mein Rat hierzu ist, Zweifel als Zweifel zu sehen und weiterzumachen. Heute habe ich einer Schülerin gesagt: “Ohne Erwartungshaltung oder vergleichenden Geistes gehe einfach so gut wie möglich mit dem um, was sich von Moment für Moment ergibt”. 

Das Kloster ist ein Ort, der die Ablenkungen und Zerstreuungen drastisch reduziert. Wenn man sich nirgends vor sich selbst mehr verstecken kann, erscheinen Verunreinigungen wie Flecken auf weißem Tuch. Das ist eine gute Sache. Nur wenn man die Verunreinigungen deutlich sieht, kann man einen Weg finden, sich von ihnen zu befreien. 

Ajahn Jayasaro

Labyrinth des Zweifels / Maze of Doubts

Wie gewöhnlich schreibe ich auch gerade diesen Dhamma-Beitrag auf das gelbe Papier, während ich auf der Veranda meiner Mönchshütte sitze.

Richtung Süden blickend, kann ich hindurch üppiger Vegetation den mit dicken grauen Wolken bedeckten Himmel bis hin zu den Khao-Yai Bergen sehen.

Eine frische Brise, die kühlend meinen rasierten Kopf und bloßen Arme umweht, sagt mir, dass Regen im Anzug ist.

Ajahn Chah schaut von einem großen gerahmten schwarz-weiß Portrait an der Wand auf mich herunter. Morgen ist der 17., sein Geburtstag, und meine Gedanken, wie so oft, wenden sich ihm zu.

Obwohl er bei seinen westlichen Schülern die zwanghafte Neigung zum Denken als ziemlich befremdlich empfunden haben muss, fand er es aber auch sehr belustigend, und neckte sie oftmals damit.

Er war sich auch bewusst, dass sie aufgrund der Universitätsausbildung, die die meisten von ihnen erhalten hatten, oft dazu neigten, mit der Tendenz zum chronischen Zweifeln belastet zu sein. Ajahn Chah würde die westlichen Mönche daran erinnern, dass Zweifel niemals aufgrund der Worte anderer verschwinden, egal wie weise diese Worte auch sein mögen. Zweifel im Dhamma werden sich nur auflösen, wenn sie mittels eigener Erfahrung auf die Probe gestellt werden.

Er erinnerte sie daran, dass Zweifel ein ursachenbedingter Zustand geistiger Phänomene ist. Sie sollten sehen, wie er entsteht, was ihn nährt und wie er zur Auflösung kommt. Einzig und allein auf diese Weise würden sie jemals den Ausweg aus dem Labyrinth des Zweifels finden.

Ajahn Jayasaro

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt/ The Truth of Praise and Blame

Einmal saß ich unter Ajahn Cha’s Hütte, um ihm bei den täglichen Putzarbeiten aufzuwarten, als gerade eine Gruppe von Gästen aus Bangkok eintraf. Im Laufe des Gesprächs mit ihnen zeigte Ajahn Cha auf mich und sagte: “Der dort ist noch nicht lange hier und spricht schon sehr gut Thailändisch und Isaan-Dialekt!” Sich zu mir drehend fragte er: “Hab ich recht?”

“Ja, Ehrwürdiger Ajahn!” antwortete ich. Mit strahlendem Lächeln wandte er sich den Gästen zu und sagte: “Na, seht ihr was ich meine!”
Ich glaube, wohl noch nie in meinem Leben war ich so stolz auf mich wie in diesem Augenblick.


Nachdem alle Gäste wieder gegangen waren, nahm Ajahn Cha seine falschen Zähne heraus – die rot mit Betelnuss-Saft beschmiert waren – und hieß mich an, sie mit Sand gründlich zu reinigen. Als ich sie sauber geschrubbt hatte und ihm überreichte, sprach er etwas zu mir in sehr schnellem Isaan-Dialekt. Selbst wenn er seine Zahnprothesen trägt, kann ich ihn schon kaum verstehen, und ohne Gebiss im Mund hatte ich daher kein einziges Wort verstanden. Er runzelte die Stirn und beschwerte sich bei den anderen Mönchen über meine schlechten Sprachkenntnisse.
Niemals in meinem Leben, glaube ich, hatte ich mich so entmutigt und beschämt gefühlt wie in diesem Moment.

Genau auf diese Weise lehrte mich Ajahn Cha die Wahrheit über Lob und Tadel.

Ajahn Jayasaro

Chinese translation artwork by Shitou 石头

Zeitunterschied/Different Times

Je intensiver unsere Emotionen, desto größer ist der Unterschied zwischen unserer gefühlten Zeit und der Zeit gemessen an einer Uhr. Leiden wir, kann sich eine einzige Minute wie eine Stunde anfühlen. Sind wir glücklich, kann eine Stunde wie eine Minute erscheinen.

Viele Laienbuddhisten sammeln kammische Verdienste durch gute Taten und Werke, um nach dem Tode eine Wiedergeburt in den Himmelsbereichen zu erlangen.
Es heißt, die Lebensspanne der Himmelswesen kann viele Millionen Jahre lang sein. Aber dies ist gemessen an der Uhr-Zeit. In der eigenen Erfahrung eines Himmelwesens kann es sich tatsächlich nur wie eine kurze Weile anfühlen. Wiedergeburt in himmlischen Bereichen anzustreben, indem man gute Taten verrichtet, ist nicht gerade falsch, aber es ist sehr kurzsichtig. Wenn unsere Zeit im Himmel abgelaufen ist, verbleibt nachwievor die Arbeit zu tun, uns von unseren Verblendungen zu befreien. Alle Arten von Himmelsbereichen sind einfach nur sehr angenehme Urlaubsstationen.

Ajahn Jayasāro

Prahlsucht/Boasting

Der Buddha lehrt uns, dass das Verlangen anzugeben, zu protzen oder zu prahlen, indem wir versuchen, die Wahrnehmung anderer Leute auf uns zu verbessern oder zu manipulieren, eine geistige Verblendung darstellt. Heutzutage geben die sozialen Medien dieser Prahlsucht einen riesigen Aufschwung. Die Prahlerei nun als »Teilen« zu bezeichnen, macht sie nicht weniger Prahlerei. Genauso macht es sie nicht weniger, nur indem wir einer Angeberei noch einen bescheidenen Kommentar hinterher schieben.

Was zählt ist die Absicht, die Intention. Wenn du das Gefühl hast, ein Foto von dir retuschieren zu müssen, um Hautunreinheiten zu verbergen oder um dünner oder attraktiver auszusehen, musst du dich fragen, warum du dies tun musst. Du musst den Grund dafür untersuchen.

Achtsam zu sein heisst nicht nur, im gegenwärtigen Moment zu sein; es bedeutet auch, zu wissen, ob deine Absichten heilsam oder unheilsam sind, um dann dementsprechende Anstrengungen zu unternehmen, das Unheilsame aufzugeben und das Heilsame zu fördern.

Ajahn Jayasāro

Entgiftungs-Kur/ Detox for the mind

An jedem Vollmond- und Neumondtag, d.h. ca. alle 15 Tage, werden Laienbuddhisten dazu ermutigt, die Acht Verhaltensregeln auf sich zu nehmen.

In moderner Sprache könnte man dies auch als ‘Detox‘, Entgiftungskur, bezeichnen. Für einen Tag und eine Nacht verzichtet die Person, die dieser Praxis folgt, auf essen nach Mittag, auf jede Form sexueller Aktivität, auf jede Art körperlicher Beschmückung, sowie auf alle Formen der Unterhaltung. Das bedeutet, keine sozialen Medien, kein Internet, keine Videospiele, und keine Musik. Das vorübergehende Getrenntsein von diesen Dingen bietet uns eine Gelegenheit zu beobachten, inwieweit diese Aktivitäten unseren Geist schon mit Giftstoffen verseucht haben. Wenn wir sehen, dass sie das tun, können wir darüber nachdenken, wie wir eine gesündere Beziehung zu ihnen aufbauen können. Gleichzeitig erlaubt uns die Enthaltsamkeit von diesen Aktivitäten, uns Zeit zu nehmen, uns dem spirituellen Wohlbefinden zu widmen: Dhamma-Bücher lesen oder Dhamma-Vorträgen lauschen, chanten und meditieren.

Buddhistische Praktizierende werden dazu ermutigt, für mindestens zwei Tage im Monat, die Arbeit der geistigen Kultivierung allen anderen Aktivitäten voranzustellen.

In diesem Jahr sehen sich Menschen auf der ganzen Welt unfreiwillig der Situation ausgesetzt, von den Dingen getrennt zu sein, die ihnen Freude und Sinn im Leben geben. Eine natürlich nicht einfache Situation. Aber gleichzeitig kann sie auch eine Chance zur spirituellen Entgiftung bieten. Man hat Zeit, um sein Leben und seine Ziele einmal gründlich zu überdenken. Wir mögen uns vielleicht zum ersten Mal in unserem Leben die Frage stellen, was in unserem Leben wirklich von Bedeutung ist. Damit ist der erste Schritt hin zur Weisheit getan.


Ajahn Jayasaro

Chinese Artwork by Shitou 石头

Mit “Nie” und “Immer” wird alles schlimmer / ‘You are ALWAYS like that, and you NEVER listen to me’

Nehmt euch bitte vor Wörtern in Acht, die die Wahrheit der Vergänglichkeit und Eventualität ignorieren, wie die Wörtchen “immer” und “nie“, besonders wenn sie Personalpronomen folgen. 


Zum Beispiel:

“Ich … immer…” / Ich… nie…”


“Du…immer…” / “Du….nie…”


“Sie/Er…immer…” / “Sie/Er…nie…”. 

“Sie…immer…” / “Sie…nie….”


So viel Ärger, Frustration und Niedergeschlagenheit haben sich aus der unklugen Benutzung dieser Worte ergeben. Starke Emotionen provozieren uns oft dazu, sowohl in unserem Denken als auch in unserer Sprache mit absoluten Begrifflichkeiten um uns zu werfen. Mit solchen Übertreibungen jedoch geraten wir unmittelbar auf die Abwege der Verblendung. Im Umgang mit unserer Sprache achtsam, vorsichtig und präzise zu sein, ist keinesfalls pedantisch. So viele Konflikte und so viel Leiden kann dadurch verhindert werden.

Ajahn Jayasaro

Milarepas Hinterteil/ The sacred buttocks

Eine meiner Lieblingsgeschichten über den großen tibetischen Meister Milarepa betrifft seine letzten Worte, die er zu seinem Schüler und Dhamma-Erben, Gampopa, sprach.

Als Gampopa sich nach vielen Jahren harter Übung endgültig von seinem Meister verabschiedete, bat er um den Segen einer letzten Belehrung. Zu seiner Bestürzung jedoch weigerte sich Milarepa und sagte: “Was du brauchst ist mehr Anstrengung und nicht noch mehr Lehren.”

Aber als Gampopa den schmalen Bach vor der Höhle seines Meisters überquerte, und wusste, dass er ihn nie wieder sehen würde, rief ihm Milarepa auf einmal zu: “Warte, ich habe noch eine letzte, sehr tiefe und geheime Lehranweisung für dich!”

Voller Freude drehte sich Gampopa um. In diesem Moment bückte sich Milarepa, zog sein zerlumptes Gewand hoch und entblößte sein nacktes Gesäß voller Schwielen und Pockennarben so dick wie ein Pferdehuf:

Beweis für ein Leben in Sitzmeditation auf nacktem Fels: “Sohn meines Herzens”, rief er, “dies ist meine letzte Anweisung. Tu es einfach.”

Ajahn Jayasaro

Ajahn Jayasaro erhält Thai-Staatsbürgerschaft/ Ajahn Jayasaro receives Thai citizenship

Ajahn Jayasaro, unter besonderer Berücksichtigung seines wertvollen Beitrags unter anderem zur buddhistischen Lehre und des thailandischen Erziehungssystems, wurde ihm von seiner Majestät, dem König von Thailand🇹🇭, am 9. März, die thailändische Staatsbürgerschaft verliehen.

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Ajahn Jayasaro, on a special consideration of his valuable contribution to the Buddhist teachings and the Thai education system, is conferred Thai citizenship by his majesty the King of Thailand 🙏🙏🙏🇹🇭😊.

https://www.prachachat.net/general/news-429982

Angst! …Von mir aus renn doch “ruhig”/ Give fear a space

Stellt euch vor, ihr wärt in einem geschlossenen Raum mit einem zutiefst verängstigten Tier gefangen.

Die Kreatur heult, jammert und wimmert. Sie wirft sich mit voller Wucht gegen die Wände.  Sie uriniert und defäkiert auf den Boden. Die ganze Erfahrung ist jetzt ein einziger Albtraum.

Nun stellt euch aber in einem weitläufigen Park vor. Gras und Bäume so weit das Auge reicht. Das Tier rast nach wie vor im Kreis und heult lautstärk. Nach einer Weile allerdings wird es langsamer. Es beginnt sich zu entspannen. Schließlich legt es sich hin, um sich im kühlen Schatten auszuruhen.

Für einen ungeübten Geist kann sich das Erleben von Angst anfühlen, als wäre man mit einem in Panik geratenen Tier eingesperrt.

Dhamma zu praktizieren, bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass die Angst nicht mehr aufsteigt.  Eher ist es so, dass wir den Raum um sie herum vergrößern. Die Angst nimmt ihren normalen Verlauf und kommt dann zur Ruhe.  Dies können wir erreichen, indem wir unser aufmerksames Gewahrsein in unserem Körper verankern. Wir kümmern uns darum, unsere Atmung normal zu halten.  Danach stellen wir ein entspanntes Gewahrsein für die Empfindungsmuster her, die von Kopf bis Fuß den gesamten Körper durchziehen.

Wir gestalten den Körper in einen weitläufigen Park.  Wir müssen nicht mehr mit der Angst kämpfen. Wir lassen sie einfach auslaufen und zur Stillung kommen.

Ajahn Jayasaro

Die große Unverlässlichkeit/Turning of the Tides

Als ich zum ersten Mal Ajahn Chahs Lehre über Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit sowie von der Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit hörte, war ich zutiefst ergriffen. Denn genau dies waren einige der wichtigsten Lektionen, die ich in den vorangegangen paar Jahren lernen durfte. Hier ein Beispiel um es euch zu veranschaulichen: Es war 1976, als ich als 18-jähriger mit glattem Milchbübchengesicht gerade in Mashhad im Nordosten Irans unterwegs war, und versuchte per Anhalter nach Teheran zu trampen. Am späten Nachmittag dann auf einmal wurde ich vom Glück geküsst: Ein riesiger Container-Lastwagen machte halt. Und von einem Moment auf den anderen fand ich mich auf einem luxuriösen Sitz in einer klimatisierten Fahrgastzelle wieder. Dieses Upgrade fühlte sich so gut an, in starkem Kontrast zu den vorher gewohnten schäbigen Lastkarren und Motorrollern. Aber später in jener Nacht, als wir gerade eine Bergkette überquerten, parkte der Fahrer plötzlich am Seitenstreifen der Bergstraße. Er bestand darauf, dass wir die Nacht zusammen im Bett hinter den Sitzreihen verbringen! Als ich mich allerdings vehement weigerte, wurde er gewalttätig. Nach einem kurzen Abwehrkampf, schaffte ich es irgendwie, die Tür zu öffnen und sprang auf die Straße. Fluchend, sprang er mir hinterher, aber ich konnte mich schnell tiefer im dunklen Wald hinter Bäumen verstecken. Wutentbrannt fuhr er davon und ließ mich allein in der Dunkelheit und Kälte zurück. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiter entlang der Straße zu laufen, um mich irgendwie warm zu halten.

Nach ungefähr einem Kilometer, erblickte ich ein Restaurant. Ich ging um das Gebäude herum und suchte nach einem offenen Fenster, aber es gab keines. Da bemerkte ich auf einmal einen großen Perserteppich, der an einer Außenwand lehnte. Ich hatte eine Idee. Ich rollte ihn im Hinterhof aus und legte mich darauf. Ein Ende des Teppichs greifend, rollte ich mich komplett in den Teppich ein, und machte mir so ein warmes, gemütliches Nest. Nicht lange und ich schlief wie ein Murmeltier. Früh am nächsten Morgen machte ich mich dann wieder auf den Weg entlang der Straße. Aber es waren immernoch sehr wenige Autos unterwegs und ich war nicht gerade optimistisch eine Mitfahrgelegenheit zu ergattern.

Jedoch hielt schon das zweite Auto an. Es war eine Familiengruppe. Und ehe ich mich versah, saß ich im Auto und teilte ein Frühstück mit drei süßen Kindern: “Ahhhh!” dachte ich innerlich, “Happy End einer wirklichen Horror-Nacht”. Und dann, nicht mehr als 10 Kilometer den Berg hinunter, hatte das Auto eine Panne. Es war ernst und es würde Stunden dauern, bis Hilfe eintraf. Wiederwillig verabschiedete ich mich und lief mal wieder die Straße entlang. “Nun”, dachte ich bei mir, “man kann wirklich, aber auch wirklich nichts für selbstverständlich halten!”

Ajahn Jayasaro

ZEITENWENDE\ Where is now?

Wir Menschen haben uns darauf geeinigt, dass es da etwas gibt, das “Zeit” genannt wird, und anhand von Uhren und Kalendern gemessen werden kann. Aber was genau in der realen Welt unseres direkten Erlebens ist diese Zeit? Können wir Zeit genauso erfahren wie wir sichtbare Formen, Klänge oder Gerüche wahrnehmen? Nein, würde ich sagen. Was wir beobachten können ist einzig eine Wahrnehmung des “Zeitvergehens”, wenn wir beispielsweise auf eine Uhr schauen oder die Position von Sonne oder Mond verfolgen. Aber die Zeit ansich ist schwer fassbar, und es stellt sich die Frage: Ist sie überhaupt ein Etwas? Das ist nicht nur ein rein philosophisches Gedankenspielchen. Angesichts der vielen Menschen die gerade auf der ganzen Welt, in ihren Wohnungen ausharren müssen, ist es wichtig zu erkennen, wie unser Verständnis von Zeit unsere Gefühle bestimmt. Wenn wir uns die Zeit als eine Entität vorstellen, die aus Tagen, Wochen und Monaten besteht, die es unbedingt irgendwie gilt, mit diesem oder jenem auszufüllen, wird Leidensdruck unweigerlich die Folge sein.

Aber wir können die Zeit auch anders betrachten: als eine Abfolge von gegenwärtigen Momenten. Wir müssen keine Anstrengungen unternehmen, im gegenwärtigen Moment zu sein. Wir sind und waren schon immer in ihm. Die Herausforderung besteht einfach darin, zu dem zu erwachen, was bereits der Fall ist. Nachdem man nun gezwungen ist, das Leben zu verlangsamen und zu vereinfachen, ist jetzt die Gelegenheit, einen Weg zurück in den gegenwärtigen Moment zu finden. Frei von obsessiven Gedanken, Erinnerungen und Phantasien,…… was ist das?

Ajahn Jayasaro

Einige Achtsamkeitsübungen zur Pandemie/ A few mindfulness exercises for the pandemic

1. Macht euch bewusst, dass Angst ein Phänomen ist, welches sich auf Körper und Geist auswirkt. Bekämpft sie nicht, noch schwelgt in ihr. Betrachtet Angstgedanken als bloße Gedanken, die wie Wolken durch den geistigen Himmelsraum ziehen. Betrachtet die körperlichen Empfindungen als bloße Empfindungen, als natürliche Gegebenheiten, Bestandteile der Natur. Atmet tief. Stellt euch vor, wie die Angst mit jeder Ausatmung euren Körper verlässt. Ruhe und Klarheit hingegen mit jedem Atemzug euren Körper und Geist erfüllt.

2. Entwicklt Achtsamkeit gegenüber dem Drang, euch ständig ins Gesicht zu fassen. Versucht diesem Druck standzuhalten, haltet ihn aus (Vergegenwärtigt euch, wie es sich anfühlt, wenn der Impuls wieder versiegt, eure Aushaltekraft damit gestärkt wird und es so beim nächsten Mal immer leichter wird). Seid achtsam beim 20-sekündigen Händewaschen: Z.B. könntet ihr dabei folgendes innerlich rezitieren: 1-Buddho, 2-Buddho, 3-Buddho bis hinzu 10-Buddho, danach wieder zurück von 10- Buddho, 9-Buddho und so weiter wieder bis 0. Haltet den geforderten körperlichen Abstand zu anderen Person ein. Seid euch den Abstandsregeln stets bewusst.

3. Baut euer Achtsamkeitsvermögen als persönliche innere Zuflucht immer weiter aus, indem ihr täglich eine Routine aus Chanting und Meditation aufrecht erhält. Pāli-Verse in voller Bewusstheit zu rezitieren hat eine beruhigende Wirkung auf den Geist. Chanting in deutscher Übersetzung hilft uns, essentielle Themen zur Reflexion in den Geist zu rufen, die aufmunternd und weise sind. Meditation hilft uns dabei, eine stille Oase innerer Ruhe zu schaffen inmitten der Konfusionen des täglichen Lebens.

4. Seid euch auch der Furcht der Kinder gewahr. Erklärt ihnen den Virus so gut ihr könnt und ermutigt sie dabei, Fragen zu stellen. Lasst sie spüren, dass ihre Sicherheit euer größtes Anliegen ist. Achtet darauf, was und auf welche Weise ihr in der Gegenwart von Kindern über den Virus spricht.

5. Entwickelt mehr Achtsamkeit im Umgang mit sozialen Medien. Legt eurem Nachrichtenkonsum Beschränkungen auf. Sich ein- bis zweimal am Tag zu informieren, reicht völlig aus.  Vermeided es, unverlässlichen Quellen in sozialen Medien Aufmerksamkeit zu schenken, da sie oft nur Ängste schüren oder von diversen Wundermitteln berichten (dies alles wird natürlich viel einfacher, wenn ihr erkennt, wie euer Geisteszustand direkt durch das beeinflußt wird, was ihr auf eurem Bildschirm konsumiert). Falls ihr Kinder habt, sorgt dafür, dass sie dahingehend gleichermaßen geschützt und eingeschränkt werden.

6. Macht euch das Leiden anderer bewusst. Seid nicht rücksichtslos im Umgang mit anderen. Seid nicht selbstsüchtig in der Benutzung wertvoller Ressourcen. Findet euch mit Gleichgesinnten zusammen und helft und unterstützt die Älteren und Personen aus Risikogruppen oder Kinder, die am hungern sind.

7. Nutzt diese Gelegenheit mit Achtsamkeit, um eine wertvolle Zeit mit eurer Familie zu verbringen.

Ajahn Jayasaro

Waiting times/ Wartezeiten

In unserem Leben verbringen wir eine Menge Zeit damit, auf etwas zu warten, das wir haben wollen. Sei es vielleicht im Geschäft zu warten, bedient zu werden; im Stau darauf zu warten, dass er sich endlich auflöst; warten bis jemand unsere Bitte bejaht; oder vielleicht darauf zu warten, dass uns jemand verzeiht. Es gibt so viele Dinge, auf die wir warten. Aber was genau ist Warten eigentlich? Wie genau unterscheidet es sich vom normalen Sitzen, Stehen, oder Liegen? Warum scheint es, die Zeit so extrem zu verlangsamen?

Versuche genau hinzuschauen, um zu sehen, wie das Gefühl des Wartens genau dann aufsteigt, wann immer wir uns erlauben, in die Zukunft abzuschweifen. Subjektiv betrachtet, scheint Warten das Gefühl zu sein, Zeit auszufüllen, zwischen dem Jetzt und dem Eintreten des erhofften Ereignisses in der Zukunft. Dieses Gefühl des Wartens führt jedoch so leicht zu Anspannung und Frustration. Warum aber halten wir unsere Aufmerksamkeit nicht einfach in der Gegenwart? Warum nutzen wir nicht dieses Zeitintervall, zwischen dem Gewahrsein eines Bedürfnisses und dem Moment seiner Erfüllung, um in innerer Ruhe und Klarheit zu verweilen? Diese kurzen Zeiträume müssen keine Quelle des Leidens sein. Man kann sie genießen.

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Wise about Craving (II): Not all desires are bad/Wissen um Gier (II): Nicht jedes Verlangen ist schlecht

Törichtes Verlangen ist aufzugeben und weises Verlangen ist zu kultivieren, so lehrt uns der Buddha. Weises Verlangen ist das Verlangen, die Leidenschaft, der Enthusiasmus, die Hingabe, welche aus Rechter Ansicht entsteht. Es manifestiert sich in Rechtem Bemühen. Weises Verlangen fokussiert auf die Kultivierung von Gutheit und Tugendkraft in unseren Handlungen durch Körper, Sprache und Geist, sowie dem Entdecken der Wahrheit aller Dinge. Weises Verlangen ist in der Gegenwart verankert. Es zielt darauf ab, die Qualität und Bedeutung unserer Taten zu optimieren, anstatt sich nur darum zu bemühen, die Resultate jener Taten zu geniessen. Es mag wohl mit angenehmen Gefühlen einhergehen, jedoch ist das nicht Ziel des weisen Verlangens. Weises Verlangen gibt dem Geist Energie. Es führt nicht zu Aufgewühltheit, Achtlosigkeit oder Depression. Es führt nicht zu Konflikten in uns selbst oder mit anderen. Törichtes Verlangen führt zum Gefesseltsein und zur Abhängigkeit. Weises Verlangen führt zur Befreiung.

Ajahn Jayasāro

Wise about Craving (I): Combat Intelligence/ Wissen um Gier (I): Feindaufklärung

Bevor wir die Verblendungen loslassen können, müssen wir sie zuerst verstehen. Um Begierde (törichtes, zerstörerisches Verlangen) zu verstehen, müssen wir in der Lage sein, ihre Eigenschaften zu erkennen. Dazu hier ein paar Beobachtungen:

Das Ziel der Begierde ist angenehmes Gefühl, entweder direkt (zum Beispiel Gier nach schmackhaftem Essen), oder indirekt (Gier nach Geld und Ruhm, aufgrund der angenehmen Gefühle, die sie vermeintlich bereitstellen können). Gier ist immer auf die Zukunft gerichtet. Sie benötigt immer eine Unzufriedenheit mit der Gegenwart. Das Erleben von Gier an sich ist unangenehm. Die gierende Person will so schnell wie möglich die Gier loswerden und sie mit dem Genuss des Objekts der Begierde ersetzen. Das Gierobjekt zu geniessen, ist wie eine juckende Stelle zu kratzen. Nicht lange und das Jucken kehrt zurück, mit noch grösserer Intensität. Begierde wühlt den Geist auf, macht ihn unruhig. Sie nimmt dem Geist jeglichen Sinn für richtig und falsch. Begierde führt zum Brechen der Ethikregeln und damit zu Konflikt, der von der persönlichen bis hin zur internationalen Ebene reicht. Einzig und allein indem Begierde aufgegeben und weises Verlangen (welches im nächsten Beitrag erklärt wird) kultiviert wird, können wir wahren Frieden erfahren.

Ajahn Jayasāro

The earlier, the better/ Je früher, desto besser

Buddhistische Klöster der Waldtradition erscheinen manchmal sehr streng und ernst, vor allem für Neulinge. Trotzdem sind sie auch Orte herzlicher Wärme und des guten Humors. Sehr deutlich kann man dies im Verhältnis zwischen dem Abt und den Laienunterstützern des Klosters erkennen. Ich muss gestehen, als ich solch ein Abt war, habe ich des öfteren die alten Großmütterchen und Großväterchen auf sanfte Weise geneckt. Wenn beispielsweise eine der alten Damen aus dem Dorf während eines Dhamma-Vortrags anfing dazwischen zu rufen: “Sprech doch mal etwas lauter! Du hast aber auch eine so leise Stimme, ich kann ja kein Wort verstehen von dem was du sagst!” Worauf ich gelegentlicch antworten würde: “Nun, wessen Schuld ist das wohl? Als du noch jung warst und deine Ohren noch in Ordnung waren, wolltest du nichts anderes hören als laute Musik. Aber erst jetzt wo du alt und halb taub bist, willst du auf einmal den Dhamma hören. Alle von euch hier, erinnert eure Familien daran: ihr müsst nicht warten bis eure Haare grau sind und die Zähne anfangen auszufallen bevor ihr mit der Dhamma-Praxis beginnt. Je länger ihr damit wartet, desto schwieriger wird es, desto dicker und klebriger werden eure Verblendungen.” Daraufhin würden alle anfangen zu lachen und ich würde versuchen, etwas lauter zu sprechen.

Ajahn Jayasāro

The Power of daily Almsround / Die Kraft des täglichen Almosengangs

Die Beziehung zwischen Waldmönchen und den Menschen, die ihnen jeden Tag etwas zu essen in die Schale tun, ist eine ganz außergewöhnliche. Frühmorgens, wenn die Mönche durch das Dorf laufen, grüßen sie die Spender nicht, sie nehmen auch keinen Blickkontakt mit ihnen auf, und gedankt für die Spenden wird auch nicht. Und doch, über Tage, Monate und Jahre hinweg, ist es, wohl mehr als jeder andere Faktor, jene Kraft dieses simplen Rituals des Gebens und der Großzügigkeit, welches die starke und warme Verbindung zwischen Ordinierten und der lokalen Gemeinschaft aufrecht erhält. Der Almosengang der Mönche bietet den Dorfbewohnern die Gelegenheit, ihren Tag mit einer gütigen Tat zu beginnen sowie sich spiritueller Werte zu vergegenwärtigen. Der Almosengang erinnert die Mönche daran, dass jeder Bissen ihrer Mahlzeit ein Ausdruck harter Arbeit, Großzügigkeit und Vertrauen der Laienanhänger darstellt. Sie versuchen sich ständig daran zu erinnern, dass diese Unterstützung niemals für selbstverständlich gehalten werden darf. Sie bemühen sich deshalb mit Eifer darum, dieser Gaben auch würdig zu sein. Obgleich die Beziehung zwischen Mönchen und den Dorfbewohnern in der unmittelbaren Klosterumgebung eine ganz besondere ist, basiert sie doch auf universellen Prinzipien. Gesunde, funktionierende Langzeitbeziehungen, jedweder Art, gedeihen, wenn sie auf gegeseitiger Unterstützung, Großzügigkeit, Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Vertrauen basieren.

Ajahn Jayasāro

Ajahn Jayasāro als junger Mönch in Wat Pah Nanachat führt den Almosengang im Dorf Bungwai, Thailand, Anfang der 1980er. / Ajahn Jayasaro as a young monk in Wat Pa Nanachat (International Forest monastery) leading the almsround in Bungwai village , Ubon Ratchathani province, Thailand, in the early 1980s.

Cool shade inside and out/ Schattenspender, innen und außen

Endlich hat es etwas geregnet in meiner Einsiedelei. Die Bäume scheinen dafür so dankbar zu sein! Innerhalb nur weniger Tage ist der ganze müde braune Waldboden mit sattem Grün bedeckt. Traurig kahle Äste sind nun in volles Blätterkleid gehüllt und lassen die Fleckchen kühlenden Schattens täglich größer werden. Erstaunlich ist es für mich, wie doch diese Blätter, von denen ein einzelnes so spärlich dünn ist, zusammengenommen einen so großartigen Schutz vor der sengenden Sommerhitze bieten.

Unsere Herzen brauchen den Dhamma. Wenn wir uns mit Einsatz um die Qualität unserer Handlungen und Worte bemühen, und wir eine ständige innere Wachsamkeit kultivieren, ist es, als ob in uns ein tiefer Durst gestillt würde. Jede gute, großherzige, weise Handlung, die wir mit Körper, Sprache oder Geist durchführen, erfrischt uns. Nehmen wir unsere heilsamen Handlungen, von denen jede einzelne ansich womöglich nur eine kleine und spärliche Sache ist, zusammen, kann uns dies ein wunderbares Gefühl von kühlendem Schatten bereitstellen, das wir in mitten einer heißen und bedrückenden Welt so nötig brauchen.

Ajahn Jayasāro

Can women become enlightened? Or men?/ Wahre Befreiung: Frei jeglicher Geschlechtlichkeit

Vor vielen Jahren wurde einmal ein berühmter Meister gefragt, ob Frauen die Erleuchtung erlangen können. Mit ernstem Gesicht erwiderte er emphatisch “Nein!”. Viele Frauen im Raum erstarrten vor Schreck und es wurde bedrückend still. Daraufhin fügte er hinzu: “Und Männer auch nicht!” Mit all seinen Zuhörern nun ordentlich perplex, erläuterte er weiter: “Jemand der sich entweder als Mann oder auch als Frau identifiziert kann niemals wahre Befreiung erlangen.”

Der Buddha sagte einmal, ein entscheidender Faktor für das Langzeit-Wohlbefinden einer Gesellschaft ist, zu welchem Grade Männer Frauen mit Respekt und Fairness behandeln. Zu helfen, weise, angemessene und mitfühlende Beziehungen zwischen Männern und Frauen zu fördern ist ein wichtiger Teil der Arbeit, die Welt einen besseren Ort zum Leben zu machen. Gleichzeitig jedoch sollten wir als buddhistische Praktizierende kontinuierlich versuchen, jenes einfache, immer zu Verfügung stehende Gewahrsein zu betreten, welches frei ist von jeglichem Geschlecht.

Ajahn Jayasāro

Safety instructions for holding views and opinions/ Allgemeiner Sicherheitshinweis zum Halten von Meinungen und Ansichten

Es reicht nicht, bloß sicherzustellen, dass unsere Ansichten und Meinungen vernünftig und gut begründet sind. Wir müssen auch lernen, sie richtig zu halten. Halten wir unsere Ansichten zu fest, dann scheint es, als wären sie ein Teil von uns. Wenn dann jemand unsere Ansichten kritisiert, dann fühlen wir uns persönlich angegriffen, und dies ist schmerzhaft.

Mit Achtsamkeit versuche deshalb, eine Ansicht bloß als Ansicht, eine Meinung bloß als Meinung zu sehen. Nicht als mehr oder weniger.

Ajahn Jayasāro

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Deathlessness/Der Weg aus Tod und Ewigkeit

Manche Menschen glauben an einen ewigen Himmel und eine ewige Hölle. Manche glauben, der Tod des Körpers sei das Ende von allem. Und manche glauben, es sei besser, sich überhaupt nicht mit dem Tod und seiner Bedeutung auseinanderzusetzen.

Der Buddha aber lehrt uns, je mehr wir das Kausalitätsprinzip von Ursache und Wirkung verstehen, desto mehr verstehen wir unseren Körper und unseren Geist, und desto mehr lösen sich Vernichtungs- und Ewigkeitsglaube auf.

Schaue aufmerksam nach innen und der Mittlere Weg des Buddha wird dort allmählich zum Vorschein kommen.

Ajahn Jayasāro

Artwork by Shitou 石头

Drop after drop: A gradual path/ Schritt für Schritt

In vielen Passagen weist uns der Buddha darauf hin, dass wahrhaftiger innerer Wandel durch eine organische Herangehensweise geschieht, die graduell und inkremental verläuft. In einer Lehrrede stellt er vier heilsame Aktivitäten heraus: den Dhamma hören, den Dhamma diskutieren, den Geist stillen und ihn auf seine Wesenheit untersuchen. Diese vier Aktivitäten richtig praktiziert und miteinander koordiniert kulminiert schließlich in der Vernichtung aller Verblendungen und vollständigen Befreiung.

“Gleichwie, ihr Mönche, wenn es oben im Gebirge stark regnet, das Wasser beim Hinabfließen die Bergschluchten, Klüfte und Rinnen füllt, die vollen Bergschluchten, Klüfte und Rinnen aber die kleinen Teiche füllen, die gefüllten kleinen Teiche die Seen, die gefüllten Seen die Flüsse, die Flüsse die Ströme füllen und die Ströme das Meer“. (AN 10.61)

Ajahn Jayasāro

Higher states of stupidity/ Erweiterte Dummheitszustände

Mitte der 1970er, bevor ich Mönch wurde, verbrachte ich ein Jahr in Indien. Viele der Westler, die ich dort traf, waren an halluzinogenen Drogen interessiert, als Mittel zur Erfahrung höherer Bewusstseinszustände.

Viele Jahre lebte ein deutscher buddhistischer Lehrer namens Lama Govinda in den Himalajas nahe Almora. Eines Tages fragte ihn ein westlicher Reisender:

“Was halten Sie von bewusstseinserweiternden Drogen?”

Lama Govinda gab darauf eine brillante Antwort:

“Wenn dein Geist noch in Unwissenheit lebt, dann wird das einzige Resultat eine erweiterte Unwissenheit sein.”

Im Buddhismus geht es nicht darum, besondere Geisteszustände zu erlangen. Es geht darum, Freiheit von der Unwissenheit zu finden.

Ajahn Jayasāro

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Humility done rightly/ Stolz und Bescheidenheit

Als Meditierende sollten wir uns immer vor unserem Stolz in Acht nehmen. Aber manchmal gehen wir auch zu weit. Wir glauben, indem wir die Gutheit in uns selbst herunter spielen, würden wir uns in Bescheidenheit üben. Diese Art von Bescheidenheit aber lehrte der Buddha nicht.

Er lehrte, dass wir uns selbst beobachten müssen und lernen sollten, an unseren guten Absichten und heilsamen Handlungen Freude zu gewinnen. Das Erlernen, wie wir uns an entstandener Gutheit in uns erfreuen können, ist wie sie mit Wasser zu gießen; sie wird wachsen und wachsen.

Bescheidenheit liegt auch darin, uns der Dankesschuld gegenüber dem Buddha und seinen Schüler zu erinnern. Ohne ihr Vorbild und ihre Anleitung, würden diese schönen Zustände niemals in unserem Herzen Heimat finden.

Des Weiteren sollten wir uns auch daran erinnern, dass diese Gutheit nicht uns gehört. Es ist das Resultat der Praxis. Sie wird nur dann weiter wachsen und blühen, solange wir weiterhin mit Weisheit nach ihr schauen.

Ajahn Jayasāro

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Why bowing?/Weshalb verbeugen?

Selbst mit Lehrern, die sich so gut um uns kümmern und uns mit so vielen weisen Belehrungen Hilfe schenken, finden wir den Fortschritt auf dem Dhamma-Pfad langsam und schwierig. Wieviel schwieriger würde es wohl für uns ohne Lehrer sein! Und wie wunderbar und erstaunlich, dass der Buddha die höchste vollkommene Erleuchtung ganz durch sich alleine gefunden hat! Jedwede Art geistiger Verblendung hat er vollständig vernichtet und erlangte die absolute Perfektion in Tugend, Weisheit und Mitgefühl, ohne dass ihm jemand den Weg dahin aufzeigen konnte.
Aus diesem Grund verbeugen wir uns zu seinen Füßen.

Selbst nur einfache Sachverhalte unseren Bekannten oder geliebten Menschen zu erklären, kann eine wahre Herausforderung sein. Wie wunderbar deshalb, dass der Buddha die Fähigkeit besaß, die tiefgründigsten Sachverhalte mit Worten zu erklären, welche die Herzen von Menschen in der ganzen Welt über 2600 Jahre hinweg berühren!
Wegen seiner großen Geschicklichkeit und Geduld den Dhamma zu lehren, verbeugen wir uns zu seinen Füßen.

Selbst nur eine einzige Familie oder Organisation oder Institution zu gründen, die über mehr als zwei Generationen hinweg blühen und in Wohlstand bestehen kann, ist schon eine große Leistung. Der Buddha gründete nicht nur einen monastischen Orden, der schon über hundert Generationen hinweg besteht, sondern hat auch seinen Praxispfad zur Befreiung erhalten und ihn an unzählige Wesen weitergegeben.
Wegen seiner großen Weisheit und liebenden Güte, die Glückseligkeit künftiger Generationen sicherzustellen, verbeugen wir uns zu seinen Füßen.

Ajahn Jayasāro

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Quality time with your mind/ Das Geschenk deiner Hingabe

Wir können immer einen guten Grund finden, nicht zu meditieren: zu früh; zu spät. Viel zu hungrig; viel zu voll. Zu müde oder zu aufgewühlt. Zu geschäftig oder einfach zu entspannt.

Aber die Meditationssitzung muss nicht unbedingt ein bestimmtes Ergebnis erzielen, um lohnenswert zu sein. Unsere Praxis gewinnt dadurch an Stärke, indem wir konstanten und regelmäßigen Einsatz aufbringen – mehr als durch selten erfahrene Gipfelerlebnisse.

Deine Ernsthaftigkeit und Hingabe, das Dranbleiben, das Streben, das ist es, was zählt. Wenn unser Geist wieder mit den alten Ausreden auffährt, sagen wir zu uns einfach »Natürlich, die Umstände gerade sind nicht ideal, aber egal, ich werde trotzdem meditieren, zumindest für eine kurze Zeit. Ich werde diese Meditation, diesen Einsatz, diese Anstrengung, als Geschenk dem Buddha, dem Dhamma und dem Sangha widmen!«

Und manchmal, nachdem wir den anfänglichen Widerstand überwunden haben, wird unser Gewahrsein auf einmal hell und klar.

Ajahn Jayasāro

Lesson from a monkey sage/Affentheater: Hochmut kommt vor dem Fall

Eine Königin und ihre Gefolgschaft hielten einmal ein Picknick in einem Waldeshain. Nach ihrem Mahl legte sich die müde Königin zu einem kurzen Schläfchen nieder. Während sie so schlief kam eine Äffin herbei und stahl ihren diamantenen Halsschmuck. Als sie von ihrem Nickerchen aufwachte, sah sie die Äffin hoch oben in einem nahegelegenen Baum ihre Halskette bewundernd sitzen. Die Königin rief aufgebracht nach ihren Wächtern, diese konnten jedoch nicht viel tun. Durch die verzweigten Baumwipfel ergab sich für ihre Pfeile kein freies Schußfeld, und würden sie versuchen die Äffin zu jagen, würde diese nur von Baum zu Baum mit der Beute flüchten.

Eine weise Frau wurde zu Rate gezogen. Sie schickte einen Diener los, in der nahegelegen Stadt eine große Anzahl billiger Schmuckimmitate zu kaufen, und diese auf dem Waldboden zu verteilen. Danach sollten sich alle verstecken. Schon nach einigen Minuten kamen zahlreiche Affen herbei. Sie hielten die billigen Klunker so gen Himmel, dass sie in der Sonne glitzerten. Nicht lange und die Affenmeisterdiebin begab sich in die Mitte der Meute und begann voller Stolz auf und ab zu marschieren, als wolle sie sagen: “Euer Zeug ist überhaupt nichts wert. Ihr habt da nur wertlosen Müll. Aber schaut her. Dies hier sind echte Diamanten!”. Genau in diesem Moment sprangen die Soldaten hervor, worauf die Äffin erschrak, die Diamantkette fallen lies und schreiend davon rannte. Zurück im hohen Baumgeäst erinnterte sie sich der Worte eines großen Affenweisen: “Gier und Hochmut machen uns dumm und berechenbar”.

Ajahn Jayasāro

It’s just who I am: A lesson in unskillful identification/ Unheilsame Identität

Einmal erzählte mir eine Lehrerin von einem bestimmten Schüler, den sie für das Nichtbeachten der Gemeinschaftsordnung maßregelte. Dieser Schüler jedoch rechtfertigte sich einfach damit, dass dieses Verhalten seiner Persönlichkeit entspräche. Mit anderen Worten, ihn zu beten, Regeln, die er nicht einhalten wollte, zu befolgen, war zwecklos. Er war trotz allem höflich und respektvoll und konnte sich sogar in das Dilemma der Lehrerin hineinversetzen und ihre Gefühle nachvollziehen – aber was konnte er tun? Mit dem Befolgen von Regeln würde er doch seine Identität verleugnen, genau das, was er in Wahrheit sei und ihn ausmache. Er war ein Künstler, ein Freidenker, ein Nonkonformist. Er brachte die Lehrerin schon fast so weit, sich zu fühlen, als wolle sie einem Vogel das Singen verbieten.

Verblendungen aufzugeben ist niemals eine leichte Angelegenheit. Aber was es besonders schwierig macht, ist, wenn wir an einer Sichtweise festhalten, dass eine bestimmte Verblendung ein essenzieller Teil von dem sei, wer wir sind. Selbstdisziplin ist für fast jeden eine Herausforderung. Wenn wir jedoch mit Ausdauer und Geduld, Intelligenz und Selbstvergebung uns beharrlich bemühen, werden wir schon bald Fortschritte sehen. Ist aber jemand noch stolz auf seine Charakterschwäche und betrachtet sie als eine seiner definierenden Eigenschaften, wird ein Fortschritt im Dhamma beinahe unmöglich.

Ajahn Jayasāro

Defusing your worries / Entschärfung der Sorgen

Glaube weder deinen Sorgen, noch kämpfe mit ihnen. Auf dem Pfad der Weisheit musst du lernen, vom Inhalt der Sorgegedanken, wie »wenn dies geschieht, dann…« zurück zutreten, und den bloßen Prozess betrachten.

Sich Sorgen machen ist ein geistiges Ereignis. Es mit Klarheit als Phänomen mit einem Anfang und einem Ende zu sehen, zu sehen, wie es in dir aufsteigt und wieder vergeht, führt zu Frieden.

Ajahn Jayasāro

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Heart, neglected and forlorn/ Herz, vernachlässigt und einsam

Oftmals gibt es keine Alternative zum Geschäftigsein. Wir haben so viele Verpflichtung, denen wir nachkommen müssen und Zeit ist natürlich äußerst begrenzt. Trotzdem sollten wir versuchen, wann immer es uns möglich ist, unser Leben zu vereinfachen.
Pass auf, dass du es deiner Geschäftigkeit nicht erlaubst, eine Sucht zu werden, so dass du immer von einer Sache zur nächsten eilen musst. Und sei außerdem auf der Hut davor, deine Geschäftigkeit als Ausrede zu nehmen, dich nicht um die schwierigeren Angelegenheiten deines Herzens zu kümmern. Mit deinem Herzen muss Zeit verbracht werden, wenn du lernen willst, wie man es heilt.

(Re)Birthcontrol/Wi(e)der Geburt

Erkenne die Unterschiede in den Gefühlserlebnissen, wie sie durch Worte wie, »ein Körper« und »mein Körper«, »ein Glücksgefühl« und »mein Glücksgefühl« hervorgerufen werden. Betrachte, wie das Gefühl von einem Besitzer aufsteigt, wie es sich anfühlt, und wie es wieder vergeht. Wenn es aufsteigt, zieht es unweigerlich einen Leidensdruck nach sich. Wenn es verschwindet, hört auch der Leidensdruck wieder auf.

Wenn ein menschliches Wesen den Bauch seiner Mutter verlässt, nennen wir dies Geburt. Diese Art von Geburt geschieht nur ein einziges mal zu einer Lebzeit. Im Buddhismus aber hat das Wort »Geburt« noch eine zweite Bedeutung. Es bezieht sich auch auf das Entstehen des Gefühls von »Ich« und »Mein« in uns, inklusive der daraus folgenden Leidenserfahrung. Diese Art von Geburt vollzieht sich viele, viele male jeden einzelnen Tag.

Man könnte daher sagen, dass unsere Praxis der Meditation eine Art natürliche Geburtenkontrolle darstellt. Das Nicht-Aufsteigen eines »Ich« und »Mein«-Gefühls bedeutet das Ende von Geburt und damit auch das Ende von Tod. Der Buddha nannte dies Nibbāna, die Dimension der Todlosigkeit.

Ajahn Jayasāro

No good deed is ever wasted/ Güte ist immer vergütet

Jede gute Tat bringt unmittelbar ein gutes Resultat mit sich. Eine liebevolle Tat stärkt die Kraft des Wohlwollens in unserem Herzen, und reduziert unmittelbar die Kraft des Übelwollens. Es ist jedes mal ein kleiner Schritt hin zur Befreiung.

Normalerweise allerdings, wird eine gute Tat nur dann eine gute Auswirkung auf unser äußerliches Leben in der Welt haben, wenn diejenigen um uns herum, Güte zu schätzen wissen. An manchen Orten beispielsweise, wird liebende Güte und Wohlwollen als Schwäche angesehen. Innerlich jedoch trägt jede Handlung von Gutherzigkeit – egal wie gering sie auch sein mag – zur Reinigung unseres eigenen Herzens bei.

Ajahn Jayasāro

Poison and its antidote / Gift im Herz

Gedanken der Wut und Rache sind immer Gift. Je mehr wir versuchen, sie als natürlich oder angebracht zu rechtfertigen, als ehrenhaft, patriotisch, oder von unserer Religion erlaubt, desto toxischer wird das Gift. Nichts ist gefährlicher als eine törichte, wütende Person, die der unerschütterlichen Überzeugung ist, sie habe Recht.

Durch Racheakte werden niemals bleibende Siege errungen. Verlieren tun dabei aber alle – in der unmittelbaren Gegenwart und in der Zukunft, in diesem Leben und den nächsten.

Vergeben heisst nicht, dass wutentbrannte Rachegelüste über Nacht verschwinden. Es bedeutet, dass wir nicht nach ihnen handeln. Indem wir sie nicht weiter nähren, erlauben wir ihnen, sich allmählich aufzulösen. Dies tun wir aus der Erkenntnis heraus, dass das auftretende Leiden eines durch Hass vergifteten Herzens, die Freude überwiegt, die wir erfahren mögen, wenn wir jemanden verletzen, der uns schlecht behandelt hat.

Ajahn Jayasāro

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Family-blindness/ Familienblindheit

Meistens sind es die engsten Familienmitglieder, die für die positiven Veränderungen in ihren geliebten Menschen am blindesten sind. Nirgendwo anders zeigt sich der festgefahrene Glaube an die Wahrheit der eigenen Wahrnehmungen von anderen Menschen so deutlich, wie innerhalb der Familie.

Der Ehrwürdige Sāriputta wurde vom Buddha als Höchster an Weisheit gepriesen, an zweiter Stelle nur nach ihm selbst. Der Ehrwürdige Sāriputta war in der buddhistischen Gemeinschaft desweiteren auch für seine außerordentliche Güte, sein großes Mitgefühl und seine Bescheidenheit bekannt. Und trotzdem hielt ihn seine eigene Mutter für einen vertrottelten Dummkopf.

Als sich einmal der Ehrwürdige Sāriputta mit einer Gruppe Schüler auf Wanderschaft befand, bemerkte er, dass er sich ganz in der Nähe des Hauses seiner Mutter befand, worauf er am darauffolgenden Morgen dann dorthin auf Almosenrunde ging. Zwar offerierte seine Mutter ihm und seinen Schülern Almosenspeise, jedoch beschimpfte sie ihn dabei mit groben und herablassenden Worten. Ruhig und ohne Gegenrede hörte sich der Ehrwürdige Sāriputta ihre Beschimpfungen an, und nach einer Segnungs-Rezitation zog er im Schweigen wieder fort. Erst gegen Ende seines Lebens war es ihm möglich, die Dankesschuld gegenüber seiner Mutter zurückzuzahlen, und brachte sie letztendlich zum Dhamma.

Ajahn Jayasāro

“False” Remorse / “Falsche” Reue

Es gibt da eine Geschichte über einen großen Mönch in Thailand, der es bevorzugte, sehr bescheiden zu leben. Obwohl er den höchsten Mönchsrang und -titel eines Somdets inne hatte, reiste er oft allein mit dem Zug dritter Klasse in weit entlegene Provinzen. Die meisten Menschen, denen er begegnete, hielten ihn lediglich für einen einfachen Luang Ta, einen älteren Mönch, der erst in hohem Alter ins Mönchstum eingetreten war, um noch am Lebensabend etwas gutes kammisches Verdienst zu sammeln.

Auf einer solchen Reisen nun geschah es, dass ihn im Zug ein wohlhabender Mann, der schon seit Abfahrt schwer am trinken war, auf schroffe Weise anrempelte und mit ungehobelten und respektlosen Worten ansprach.

Am darauffolgenden Tag am Zielort angekommen, hielt einer der reichsten Landbesitzer der Provinz eine Hauseinweihungsfeier, auf die auch der Ungehobelte als Gast eingeladen war. Als er das Haus betrat, musste er mit Entsetzen feststellen, dass der Ehrengast der Feier, niemand anderes war, als der alte Mönch, den er am Vortag im Zug so respektlos angepöbelt hatte. Sich schnell irgendwo ein paar Kerzen und Blumen zusammen borgend, verbeugte er sich tief vor dem Somdet und bat diesen für sein ungehobeltes Verhalten vom Vortag demütig um Vergebung. Der Mönch antwortete ihm in ernstem Ton, dass es nicht nötig sei, den Somdet um Verzeihung zu bitten, da er sich ja dem Somdet gegenüber niemals falsch verhalten hatte. Er solle deshalb besser den alten Mönch im Zug aufsuchen und eher diesen um Vergebung bitten.

Ajahn Jayasāro

No bargaining with Nature /Natur, die Unbestechliche

In die Natur zu gehen bedeutet, eine Welt mit ihren eigenen Regeln zu betreten. Regeln, die keine Kompromisse mit deinen Wünschen macht. Du kannst mit der Natur nicht verhandeln. Du kannst sie nicht einschüchtern. Natur bleibt unbewegt gegenüber deinen Tränen. Willst du in der Natur überleben, musst du sie respektieren. Du musst ihre Prinzipien verstehen und dich ihnen anpassen.

Bist du respektvoll und demütig, geduldig, wachsam und intelligent, dann wird dich Natur mit großer Freude und Verständnis segnen. Dies gilt für die Welt um uns herum und für die Welt, die wir entdecken, wenn wir unsere Augen zur Meditation schließen.

Ajahn Jayasāro

Peace untouched – A new dimension of life/Der Friede in Dir

Während der Meditation, wenn wir gefestigt, klar und wachsam im gegenwärtigen Moment verweilen, ist es, als ob die Welt und die Person, die wir zu sein glauben, für eine Weile verschwindet. Zu dieser Zeit gibt es kein Wahrnehmen von Name, Geschlecht, oder Status. Wir erfahren uns selbst nicht als Sohn oder Tochter, als Bruder oder Schwester, Ehemann oder Ehefrau, oder als Elternteil. Wir betrachten uns selbst nicht als gut oder schlecht, intelligent oder dumm. Wir haben eine andere Dimension des Lebens betreten, welche durch ein Gefühl von Wohlbefinden charakterisiert ist, das uns völlig normal und natürlich erscheint. Es ist als würden wir nach Hause kommen.

Wenn wir dann wieder unsere Augen öffnen und zur Welt der Beziehungen und Verpflichtungen zurückkehren, gibt uns die Erinnerung an diese andere, tiefgründigere Dimension des Lebens, eine neue Perspektive. Wir sind uns einem Reich des Friedens in unserem Innern bewusst, das von den Hochs und Tiefs des täglichen Lebens unberührt bleibt. Wir nehmen vollkommen teil an unserer Welt, aber nehmen sie nicht mehr ganz so ernst wie zuvor.

Ajahn Jayasāro

Hey, you!…Who puts that anger in your heart?/ Wissen um Wut

Nichts und niemand hat die Macht, uns wütend zu machen. Da gibt es immer einen Teil von uns, der sich ärgern will, der Wut geniesst. Wut entsteht dann, wenn unsere unrealistischen Erwartungen an Situationen und Menschen enttäuscht werden. Wir wollen von allen respektiert werden und sind wütend, wenn wir das Gefühl haben, nicht respektiert zu werden. Wir wollen, dass die Welt ein gerechter und lieblicher Ort zum Leben ist, und werden wütend, wenn wir ihre Ungerechtigkeit und Grausamkeit erkennen.

Je klarer wir aber alle Ursachen und Bedingungen verstehen, die zu den Dingen führen, wie sie nun mal geschehen, oder Leute dazu bringt, zu handeln, wie sie nun mal handeln, desto weniger werden wir darüber in Zorn geraten, dass die Dinge nicht so sind, wie wir sie gerne hätten, oder wie wir meinen, dass sie sein sollten. Von diesem ruhigen Ort ausgehend, können wir uns voran arbeiten und Dinge aufgeben, die es aufzugeben gilt, und Dinge entfalten, die es zu entfalten gilt.

Ajahn Jayasāro

When suffering ceases, am I annihilated?/ Wenn Leiden erlischt, bin ich dann ausgelöscht?

Stell dir vor, du lebst in einer einsamem Hütte am Hang eines Berges. Du kannst das Geräusch der Motorsäge aus dem bewaldeten Tal unten hören. Es ist ein sehr irritierendes Geräusch. Und da der Lärm nicht gleichmäßig ist, ist er schwer zu ignorieren. Aber nach einer Weile gewöhnst du dich daran. Minuten werden vergehen, in denen du dir des Geräuschs nicht bewusst bist. Aber wenn deine Aufmerksamkeit wieder zu ihm zurückkehrt, erkennst du, dass dein Körper und Geist die ganze Zeit über doch angespannt waren.

Und dann auf einmal hört der Lärm auf. Es ist keine absolute Stille. Du kannst den Wind in den Bäumen und das zwitschern der Vögel hören. Diese Geräusche aber stören die Stille nicht. Sie scheinen Teil davon.

Die Erlöschung des Leidens kann auf diese Weise verstanden werden. Erlöschung ist nicht Auslöschung. Es ist das Ende, das Erloschensein vom Geräusch der nervigen Motorsäge. Die Natur, der Wind, die Bäume, die Vögel, bleiben.

Ajahn Jayasāro

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One thing to know all things/ Die eine Sache

Ich erinnere mich an einen Tag aus meiner Jugend, als ich einmal eine riesige Bibliothek betrat und mich sofort zutiefst entmutigt fühlte. In jenen Tagen besaß ich einen extremen Wissensdurst und wollte alles wissen. Allerdings wurde mir im gleichen Moment bewusst, dass, auch wenn ich den Rest meines Lebens in dieser Bibliothek verbrächte und nichts anderes als lesen würde, ich doch nur einen kleinen Teil der in ihr gesammelten Bücher lesen könnte. Und dann, als ich da überwältigt stand, erinnerte ich mich an eine Frage eines großen indischen Weisen, »Was ist die eine Sache, die, falls du sie weißt, du um alle anderen Dinge weißt?« Ich realisierte, dass alles eigentlich ganz einfach war. Ich bräuchte nicht alle Bücher der Welt zu lesen. Ich musste mich selbst studieren und verstehen.

Es gibt da so vieles, das wir lernen müssen, um in der Welt zu überleben und Wohlstand zu erlangen. Aber als wichtigstes gilt es, um das zu wissen, was uns überhaupt zu wissen befähigt.

Ajahn Jayasāro

Well-educated sufferers / Ich denke, also bin ich(‘s)(?)

Gebildete Meditierende tun sich besonders schwer damit, die Anhaftungen an ihre Gedanken loszulassen. Der Versuch dies zu tun, bringt in ihnen Ängste und Widerstände auf. Es fühlt sich für sie an, als ob sie einen grundlegenden Teil ihrer selbst aufgeben würden.

Eine einfache Übung diese Anhaftung zu reduzieren ist sich selbst eine Frage zu stellen. Ist es denn mit irgendeiner Gewissheit möglich vorauszusagen, welche Gedanken genau heute in einem Jahr in unserem Geist aufkommen werden? Oder in einem Monat? Einer Woche? Einem Tag? Einer Stunde? Einer Minute? Oder in den nächsten paar Sekunden?

Verfügen wir über so wenig Kontrolle und Möglichkeiten, den Inhalt unserer Gedanken voraus zu bestimmen, wieviel Sinn macht es dann, Gedanken als einen grundlegenden Bestandteil zu betrachten, von dem wer wir sind.

Ajahn Jayasāro

Sitting firmly / Fest im Sitz

Die Kontinuität unserer Anstrengung ist von entscheidender Wichtigkeit. Meditierende müssen versuchen, ein ununterbrochenes stetes Gewahrsein aufrecht zu erhalten, ob im Gehen, Stehen, Sitzen oder Liegen. Wenn dieses Gewahrsein einmal aufgebaut ist, kann kein anderes mentales Vorkommnis uns überwältigen. Einsicht in die Wandelbarkeit und Nicht-Selbstheit entsteht dann auf natürliche Weise. Es ist als befänden wir uns in einem Raum mit nur einem Stuhl. Wenn wir uns auf den Stuhl in die Mitte des Raumes setzen, wissen wir unmittelbar um jeden, der ein- oder ausgeht. Unser Gäste werden nicht lange bleiben, da sie keinen Platz zum Sitzen haben. Sitzt unsere Achtsamkeit auf die gleiche Weise in der Mitte unseres Bewusstseins, dann wird jeder Zustand unmittelbar als das erkannt, was er ist. Indem sie keine Gelegenheit bekommen auf dem Stuhl zu sitzen und die Kontrolle zu übernehmen, werden besuchende Zustände nicht lange bleiben.

Ajahn Jayasāro

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Premortem – Argue better (before the end) / Besser Streiten (vor dem Ende)

Eine Postmortem-Examination bezieht sich normalerweise auf die Untersuchung einer Leiche, um den Todeszeitpunkt und die Todesursache zu bestimmen.

Weniger bekannt allerdings ist die Premortem Untersuchung. Diese Bezeichnung steht für eine betriebswirtschaftlichen Führungsstrategie, die darauf abzielt, das Implementieren schlechter betrieblicher Entscheidungen zu verhindern, die aufgrund der Zurückhaltung mancher Projektteilnehmer herrührt, ihre Zweifel zu äußern, um die Gruppenharmonie nicht zu gefährden oder schlicht aus Untergebenheit gegenüber den Führungspersonen heraus. In einer Premortem-Übung werden Entscheidungsmacher gefragt, sich vorzustellen, es sei schon ein ganzes Jahr vergangen, seit ihre Entscheidung umgesetzt wurde, diese sich jedoch als katastrophaler Fehlschlag erwies. Ihre Aufgabe dabei ist es nun, die Ursachen dieses Fehlschlags zu analysieren. Diese Übung bietet den Entscheidungsträgern den Freiraum, sich ihrer Bedenken und Zweifel bewusster zu werden und sie eingehender auf ihre Gültig- und Schlüssigkeit zu überprüfen, bevor sie zu einer Entscheidungsfindung kommen.

Müssen Entscheidungen in einer Gruppe getroffen werden, ist es weise, eine Umgebung und Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder einzelne frei fühlen kann, begründete Kritik zu äußern, ohne gleich als schwierig, störend oder illoyal betrachtet zu werden. Gruppenharmonie sollte mehr in der Durchführungsphase, als in der Entscheidungsfindungsphase selbst, betont werden. Solange die Prinzipien von gegenseitigem Respekt und rechter Rede eingehalten werden, sind kleine Meinungsverschiedenheiten keine schlechte Sache.

Ajahn Jayasāro

Heart of the path/Herz des Pfades (Māgha-Pūja)

Heute, am buddhistischen Feiertag der Māgha-Pūja, gedenken wir eines Ereignisses, das sich am Vollmondtag im Februar des ersten Jahres nach Buddhas Erleuchtung ereignete. An jenem Tag kamen 1250 Arahants, ohne vorherige Absprache, im Bambushain-Kloster in Rājagaha zusammen. Der Buddha richtete sich mit einem Lehrvortrag an die versammelten Mönche, der die grundlegenden Prinzipien des monastischen Trainings zusammenfasst, eine Lehre, die als Ovāda Pātimokkha bekannt werden sollte. Diese Anleitung diente für all die großen Mönche als eine leicht zu behaltende Checkliste, als sie sich aufmachten, den Dhamma in ganz Indien und darüber hinaus zu verbreiten.

Die Ovāda Patimokkha erklärt Nibbāna zum höchsten Ziel, und Geduld (Khanti) als die stärkste reinigende Tugend. Sie postuliert die Gewaltlosigkeit durch Körper und Sprache als kennzeichnende Eigenschaft eines buddhistischen Ordinierten. Sie ermutigt die Mönche darin, innerhalb der Grenzen rechten Betragens zu leben, genügsam beim Mahl zu sein, in abgeschiedenen Unterkünften zu leben und sich dem Geistestraining mit Hingabe zu widmen.

Eine jener kurzen Strophen aus der Ovāda Patimokkha wird allgemein als Herzstück des buddhistischen Pfades, für alle Buddhisten, monastisch oder im Hausleben stehend, betrachtet:

“Jegliche böse Tat zu unterlassen,

zu vervollkommnen, was heilsam ist,

zu reinigen den eig’nen Geist,

dies ist die Botschaft der Erleuchteten.”

Ajahn Jayasāro

Artwork by Biao Yuguo

Limits of human imagination/Begrenztheit menschlicher Vorstellungskraft

Es gibt da einen modernen Trend, den Buddha einfach als weisen und mitfühlenden Menschen darzustellen. Meist sind es moderne Buddhisten mit wissenschaftlichen Hintergrund, die sich mit dieser Version vom Buddha am wohlsten fühlen. Eine solche Sichtweise auf den Buddha einzunehmen, bedeutet jedoch, dass wir mehr Vertrauen in das setzen, was wir als rational und vernünftig betrachten, als in die überlieferten Worte des Buddha selbst. Diese Zuversicht kann ich nicht teilen. Blicke ich nämlich zurück auf meine mehr als 40-jährige Praxis, erkenne ich, wie oft ich doch von meinem rationalen Geist irregeleitet wurde, jedoch nicht ein einziges mal von den Lehren des Buddha. Wenn der Buddha behauptet, er könne sich seiner früheren Leben im Detail über den Zeitraum “vieler Äonen kosmischer Zusammenziehungen, vieler Äonen kosmischer Ausdehnungen, vieler Äonen kosmischer Zusammeziehungen und Ausdehnungen hinweg” zurückerinnern, nehme ich die Unmöglichkeit, sich eine solche Leistung vorzustellen, nicht als Beweis, dass jene Textpassagen besser ignoriert werden sollten, sondern eher als Anzeichen für die Begrenztheit menschlicher Vorstellungskraft.

Ajahn Jayasāro

The End of Boredom/Das Ende der Langeweile

Langeweile und Anregung bedingen sich gegenseitig. Langeweile tritt auf, wenn wir ein Mangel an Anregung verspüren. Ohne Achtsamkeit reagieren wir auf dieses Gefühl mit der Suche nach Stimulation. Verblasst jedoch die durch die Stimulation produzierte Anregung, fühlen wir uns erneut gelangweilt, und der ganze Prozess beginnt von neuem. Immer und immer wieder.

Um der Langeweile wirklich zu entfliehen, bedarf es nicht noch mehr Stimulation, sondern wir müssen den Mut aufbringen, dem Gefühl des Mangels einfach präsent zu sein und Freundschaft mit ihm zu schließen. Schaffen wir das, erlangen wir im Geist Zufriedenheit.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Biao Yuguo

Right answer to wrong questions/ Rechte Antwort auf falsche Fragen

Nicht immer ist es möglich, Fragen auf die gleiche Weise zu beantworten, wie sie gestellt wurden. Manchmal möchte man eine Ja/Nein-Antwort hinsichtlich einer komplexen Angelegenheit haben, die aber nicht einfach auf Ja oder Nein reduziert werden kann. Manchmal stellt man Fragen ohne sich einer anderen, weitaus wichtigeren, bewusst zu sein, die hinter ihr verborgen liegt. In solchen Fällen mag der Lehrer wohl eher die verborgene Frage beantworten, als die gestellte. Manchmal basieren die Fragen der Leute auf so vielen falschen Annahmen, dass egal welche Antwort sie erhalten, es nur noch weiter zu ihrer Verwirrung beiträgt, anstatt sie zu beenden. In diesem Falle mag der Lehrer gar keine Antwort geben. In einigen Fällen bedarf es einer Gegenfrage. Wenn beispielsweise jemand fragt: “Wohin gehe ich nach meinem Tod?”, mag der Lehrer vielleicht antworten: “Wem eigentlich widerfährt der Tod?” Anstatt dem Fragesteller eine Aussage zu liefern, die er entweder glauben oder ablehnen kann, stellt der Lehrer ihm eine Herausforderung. Er sagt, dass nur indem wir genau auf unser gegenwärtiges Erleben schauen, wir in der Lage sind, den Prozess von Leben und Tod wahrhaftig zu verstehen. Alles andere ist Glaube und Aberglaube.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Yu Biaoguo

Dhamma of wise housekeeping/ Weises Kümmern um Haus und Herz

Lassen wir in unserem Haus Fenstern und Türen offen, so können allerlei Kreaturen, inklusive den gefährlichen, reinkommen. Manche mögen sich dann dort ein Heim oder ein Nest bauen. Wollen wir ein sauberes und gesundes Zuhause haben, müssen wir zuerst humane Wege finden, die schon darin lebenden Kreaturen zu entfernen und andere in der Zukunft daran zu hindern, reinzukommen. Während diese eingetretenen Lebewesen sich in unserem Haus befinden, folgen sie ihrem natürlichen Instinktverhalten, wonach manche für uns einige Probleme bereiten können. Jedoch liegt die Schuld nicht im Haus an sich, dass diese Wesen in ihm einen Unterschlupf für sich suchen, oder darin, dass sie sich so verhalten, wie sie es eben tun. Der Fehler liegt in der nachlässigen Pflege des Hauses. Dies aber ist glücklicherweise ein Fehler, der behoben werden kann.

Genau wie eindringende Kreaturen das Haus nicht zu einem schlechten Haus machen, so machen die Verblendungen uns Menschen auch nicht zu schlechten Menschen. Unser Fehler jedoch liegt darin, dass wir es den Verblendungen erlauben, ein Heim im Haus unseres Geistes zu bauen. Sind wir aber geduldig und aufrichtig, ist dieses Problem jedoch behebbar.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Shitou 石头

Year of the wise piglet/ Jahr des weisen Schweinchens!

In der Kindergeschichte von den drei kleinen Schweinchen bauen die zwei dummen und faulen Schweinchen ihre Häuser aus Stroh und Holzzweigen. Diese werden aber vom bösen Wolf einfach umgepustet, bevor er die beiden Schweinchen auffrisst.Das dritte fleißige Schweinchen allerdings baut sein Haus aus Ziegelsteinen. Der böse Wolf ist nicht in der Lage, es umzupusten. Davon unbeirrt aber versucht der Wolf durch den Kamin ins Haus zu gelangen. Das kluge Schweinchen jedoch kann dieses Manöver vorausahnen. Es kocht einen Topf Wasser über dem Kaminfeuer, wonach der Wolf in den Topf fällt und die Konsequenzen seines schlechten Kammas erntet.Ein Haus ist eine Zuflucht. Eine Zuflucht muss in der Lage sein, den acht weltlichen Winden, Gewinn und Verlust, Status und Statusverlust, Lob und Tadel, Freude und Schmerz, standzuhalten. Die Weisheit, die klar und deutlich die unbeständige und unverlässliche Natur der weltlichen Erfahrungen erkennt, bietet uns solch ein solides Steinhaus. Und sollte die Welt versuchen, auf subtilere Weisen durch unsere Abwehr zu gelangen, ist es allein unsere Dhamma-Praxis, welche uns dazu befähigt, mit allen aufkommenden Herausforderungen effektiv umzugehen.Ein frohes neues Jahr im chinesischen Mondkalender wünsche ich euch allen! Mögt ihr in diesem kommenden Jahr alle so weise wie das dritte Schweinchen sein.Ajahn JayasāroChinese Artwork by Shitou 石头

The Great Creator/Vom großen Schöpfer

Diejenigen, die sich dem Training des Geistes widmen, werden schon bald feststellen, dass der Geist selbst der erhabene Schöpfer ist. Der Geist ist in der Lage aus einem einzigen Gedanken unzählige Geschichten zu spinnen: ganze Seifenopern und Filme kann er kreieren. Ob Drama, Horror, Romanze, oder Pornografie, der Geist ist meisterlich in allen Genres bewandert. Aber diese Art von Schöpfungskraft und Kreativität stellt in Wirklichkeit eine Stagnation des Geistes dar. Denn unter der faszinierenden Oberflächenbewegung des Geistes fermentieren die selben alten Begierden und Ängste vor sich hin, die scheinbar endlos immer wieder Gedanken, Geschichten und Gefühle zusammenbrauen.

Erkennen wir aber, wie die betörende Vielfalt des Geistes in Wahrheit eine trostlose monotone Gleichheit verschleiert, dann können wir uns davon zurücknehmen, von ihr distanzieren, um nach einer tiefgründigeren und erfüllenderen Zuflucht zu suchen.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Biao Yuguo

Strength of Mind/ Geistesstärke

Voller Bewunderung durfte ich gerade über die unglaubliche Leistung der Jasmin Paris erfahren, einer englischen Tierärztin, Doktorantin und frischgebackenen Mutter eines kleinen Babys. Vor ein paar Tagen gewann sie den 2019 Montane-Spine-Ultramarathon in den nordenglischen Bergen. Sie rannte die 430km-lange Strecke in 83 Stunden. Erst 15 Stunden später erreichte ein Mann als zweiter das Ziel. In sehr langen Wettrennen wie diesem, verlieren die körperlichen Vorteile der Männer gegenüber den Frauen an Bedeutung. Als wichtigster Faktor zählt die Geistesstärke.

Geistesstärke ist nicht die Fähigkeit, unangenehme Gefühle zu ignorieren, sondern, dann wann es angebracht oder unvermeidlich ist, zu wissen wie wir friedlich mit ihnen koexistieren können, ohne dabei den Geist ängstlich oder niederschlagen werden zu lassen, oder der Panik oder Furcht zum Opfer zu fallen.

Dies zu tun ist möglich, aus einem ganz einfachen Grund heraus: da das Unangenehme und das Wissen um das Unangenehme zwei gänzlich verschiedene Dinge sind.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Shitou石头

Attached to your precepts?/ Anhaftung an Regeln und Riten?

Jedes mal, ohne Ausnahme, wenn jemand (nüchtern) in diesem Land ein Auto fährt, tut er dies auf der linken Seite der Straße. In Thailand sind sich die Menschen wohl bewusst, dass es wohl keine kluge Idee ist, seinen freien Willen und Kreativität zum Ausdruck zu bringen, indem man ab und zu auf der rechten Straßenseite fährt. Es wäre absurd zu behaupten, dass diese Angewohnheit zu allen Zeiten auf der linken Straßenseite zu fahren als Beweis für verblendetes Anhaften gilt. Auf die gleiche Weise wäre es wohl nicht angebracht zu behaupten, nur weil Leute ohne Kompromisse ihr ganzes Leben über ihre Ethikregeln einhalten, sie deshalb an diesen Verhaltensregeln krankhaft anhaften würden. Der Begriff ‘Anhaftung’ kann definitiv zu weit ausgelegt werden. Zu allermindest muss er von heilsamen Eigenschaften wie unerschütterlichem Einsatz, Hingabe und Loyalität unterschieden werden.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Shitou石头

What we can control (and what not)/Deine Entscheidung

Der Freitagabend-Verkehr in Bangkok war gestern aufgrund eines Regensturms noch schlimmer als gewöhnlich. Ich war gerade auf dem Weg nach Ubon zur jährlichen Vollversammlung der Ajahn Cha-Sangha. Die Fahrt zum Flughafen dauert normalerweise ca. 30 Minuten, aus denen aber gestern zwei Stunden wurden. Ich verpasste natürlich meinen Flug. Und nach weiteren zwei Stunden im Auto erreichte ich schließlich wieder den Ort, von dem ich meine Reise begonnen hatte.

Meine Dhamma-Praxis während dieser Fahrt bestand darin, meinen Geist vor Gefühlen der Frustration und Vorstellungen von vergeudeter Zeit zu beschützen. Ich reflektierte darüber, dass obwohl ich keinerlei Kontrolle über Verkehr und Wetter hatte, ich aber wohl darüber entscheiden konnte, ob ich nun in heilsamen oder unheilsamen Vorstellungen verweilte. Egal in welchen äußeren Umständen wir uns auch befinden mögen, jeder einzelne Moment, in der der Geist ein ruhiges, klares Gewahrsein besitzt, ist Zeit wohl verbracht.

Als ich dann vor meiner Kuti (Mönchshütte) in Bangkok wieder aus dem Auto stieg, fühlte ich mich körperlich ein wenig erschöpft, jedoch eines leichten Herzens.

Ajahn Jayasāro

(PS: Ich schreibe dies gerade von meinem umgebuchten Flug aus, während wir uns über den Reisfeldern Nordostthailands befinden)

Chinese Artwork by Yu Biaoguo

2019 Mit Strebsamkeit zur Glückseligkeit/ Heedful 2019: Take nothing for granted

Kurz vor seinem Dahinscheiden, gab der Buddha seinen Schülern letzte Instruktionen. Er erinnerte sie nochmals an die unbeständige Natur aller Dinge, und ermutigte sie darin, sich selbst in Strebsamkeit zu vervollkommenen (Pāli: ‘appamāda’).

Strebsam zu sein bedeutet, nichts für selbstverständlich zu halten. Strebsame Menschen hegen keine Ansprüche auf irgendetwas oder irgendjemanden. Sie erwarten nicht, dass die Dinge sich schon selber fügen werden. Sie suchen nicht nach Trost in Gebet und Zeremonien. Sie streben danach, eine innere Zuflucht zu schaffen. Strebsame Menschen verfangen sich nicht in der Falle des unnützen sich Sorgen machens oder des unrealistischen Hoffens auf die Zukunft. Sie konzentrieren ihre Energie auf die Entwicklung einer inneren Bereitschaft, all dem, was das Leben ihnen entgegenbringt, mit Ruhe, Geduld, Freundlichkeit und Weisheit begegnen zu können.

Mein Neujahrswunsch für euch ist daher nicht, dass alles in eurem Leben so verlaufen soll wie ihr es gerne hättet. Denn so wird es nicht werden!

Aus tiefstem Herzen aber wünsche ich euch, dass ihr innere Ressourcen entwickeln könnt, um all euren Herausforderungen weise zu begegnen, und dass ihr in beiden Welten erfolgreich sein und in Wohlstand aufblühen werdet: in der äußeren Welt der Pflichten und Verantwortlichkeiten sowie in der inneren Welt des Geistes.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Yu Biaoguo

Anhaftungstest/Attached or holding wisely?

Ob wir an etwas anhaften, können wir überprüfen, indem wir unsere Reaktion auf seine Abwesenheit beobachten.

Haften wir an Güte an, ärgern wir uns über Menschen, die sich schlecht verhalten.

Haften wir an unseren Lehrern an, ärgern wir uns über Menschen, die sie kritisieren.

Haften wir an unseren Ansichten an, frustrieren uns Menschen, die eine gegenteilige Meinung vertreten.

Haften wir an Frieden an, fühlen wir Abneigung gegenüber unfriedlichen Situationen.

Widmen wir uns aber der Güte auf weise Art, empfinden wir Mitgefühl für Menschen, die sich schlecht verhalten.

Widmen wir uns unseren Lehrern auf weise Art, sind wir geduldig mit Leuten, die sie kritisieren.

Halten wir unsere Ansichten auf sanfte Art, werden wir durch Menschen geistig angeregt, die ihnen widersprechen.

Folgen wir dem Friedenspfad mit Weisheit, sehen wir weniger friedliche Situationen als Herausforderung an.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Shitou 石头

Original handwriting of Ajahn Jayasāro

Mit Dankbarkeit zum Glück/Gratefully make the best of you

Gestern erzählte mir ein Laienunterstützer von einem Tag, an dem er seine Mitarbeiter zu einer Schule für körperlich behinderte Kinder einlud, um dort gemeinsam eine Mahlzeit zu spenden. Er erzählte mir, dass eine bestimmte Szene dort viele von ihnen zu Tränen rührte: Sie bemerkten einen älteren Jungen, der keine Arme besaß, wie er liebevoll ein kleines Kind mit einem Löffel fütterte, den er äußerst geschickt zwischen seinen Zehen hielt.

Den Punkt um den es mir hier geht ist ein simpler, aber einer, an den wir uns jeden Tag erinnern sollten: Es ist völlige Zeitverschwendung darüber zu lamentieren, was wir nicht haben oder was uns nicht gegeben wurde. Solchen Gefühlen wie Groll und Selbstmitleid einen Platz in unserem Herzen zu erlauben, bringt nichts als Elend. Wenn wir für das, was wir haben, dankbar sind und versuchen, das Beste daraus zu machen, können wir Freude und Glück in unserem Leben finden und für andere zur Inspiration werden.


Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Yu BiaoguoOriginal handwriting of Ajahn Jayasāro

Vom Buddha und dem Weihnachtsmann/ Buddha and the Santa Claus

Als kleiner Junge fand ich heraus, dass es eine solche Person wie den Weihnachtsmann überhaupt nicht gibt. Dies war für mich ein extrem einschneidendes Erlebnis. Mir wurde zum ersten mal in meinem Leben bewusst, dass es möglich war, bedingungslos an etwas zu glauben, das eine völlige Fiktion war. Mir wurde klar, dass Erwachsenen, auch denjenigen, die uns lieben, nicht immer vertraut werden kann. Jenes Erlebnis markierte den Beginn eines lebenslangen Interesses in das Wesen von Glauben und Vertrauen.

Unser Glaube im Buddhismus liegt nicht in Dogmen, sondern in überprüfbaren Aussagen über das menschliche Erleben. Der Buddha zeigt uns, wie Glaube unser Leben vereinfacht und konkretisiert. Er erinnert uns aber auch daran, unsere Überzeugungen unentwegt dem Test der eigenen Erfahrung zu unterziehen. Erkennen wir in unserer Praxis, wie sich geistige Verunreinigungen verringern? Können wir sehen, wie durch unsere Praxis innere Tugenden zunehmen? Können wir einen Zusammenhang zwischen Leiden und Verlangen erkennen, zwischen dem Ende des Leidens und dem Achtfachen Pfad?

Indem wir in unserer Praxis voranschreiten, erkennen wir, dass uns der Buddha niemals belügt, uns nie in die Irre führt, uns niemals im Stich lässt. Dabei wächst in unserem Herzen ein tiefes Vertrauen in die Dreifache Zuflucht.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Biao Yuguo 俞国彪

Original handwritten teaching from Aj. Jayasāro

Aus höherer Warte betrachtet/ Bird’s eye view on you

Einer regt sich auf, über die Massen an Touristen, die ihm den „unberührten“ Urlaubsort vermiesen. Ein anderer ärgert sich über den stockenden Verkehr auf dem Heimweg nach der Arbeit. Ein dritter beschwert sich am Flughafen über die allzu lange Schlange vorm Check-in Schalter.

In jedem dieser Fälle nimmt sich die verärgerte Person von allen anderen involvierten Personen als getrennt wahr. Er oder sie ist Held oder Heldin ihrer eigenen Geschichte, in der sie von anderen das Leben schwer gemacht bekommen.

Sie vergessen allerdings, dass sie selbst Tourist, selbst Teil des Verkehrs, selbst eine Person von vielen sind, die mit dem Flugzeug reisen. Und so leiden sie.

Falls solche Gedanken und Gefühle aufsteigen sollten, versuche eine neue Perspektive einzunehmen, indem du dir vorstellst, wie du dich durch die Augen eines Vogels – oder durch die Linse einer Drohne – bloß als ein Lebewesen unter vielen wahrnimmst, und nicht als Zentrum des Universums.

Die Wahrnehmung von ‘mein‘ hin zu ‘wir, alle zusammen‘ zu verändern, kann uns eine enorme Last an Negativität vom Herzen nehmen.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Biao Yuguo 俞国彪

Anfängerglück/Beginner’s mind: Bliss from the Basics

Große Freude kann dabei erfahren werden, tief-profunde Lehren zum ersten mal zu hören, oder solche Lehren endlich zu verstehen, die uns schon lange als zu schwierig und unzugänglich erschienen.

Aber dies kann auch eine Gefahr sein: wir können anfangen, diese Freude in dem Ausmaß zu begehren, dass wir gegenüber den grundlegenden, schon vor langer Zeit gelernten Lehren fast gleichgültig werden. Diese Lehren scheinen uns jetzt zu offensichtlich und uninteressant.

Aus diesem Grunde sprach einmal ein bekannter Meditationsmeister von der Wichtigkeit, einen Anfänger-Geist beizubehalten. Damit meinte er, dass wir versuchen sollten, jede Lehre mit einer frischen und unvoreingenommenen Einstellung anzugehen.

Falls wir wirklich einen Anfänger-Geist kultivieren, dann können selbst Lehren wie ‘Handlungen mit Körper, Rede und Geist motiviert durch Güte führen zu guten Resultaten, und solche motiviert durch Verblendungen führen zu schlechten Resultaten’, uns ein erhabenes Dhamma-Glücksgefühl verschaffen.

Ajahn Jayasāro

Chinese artwork by Shitou 石头

Original handwritten teaching from Ajahn Jayasāro

Pausenlos im Guten/Skillful, Non-Stop

Ein weit verbreiteter Irrtum unter buddhistischen Praktizierenden ist die Annahme, ihr zu begehender Praxisweg sei ein ebener. Pausieren sie dann mit ihrer Praxis für eine Weile, nehmen sie an, sie würden in ihrem Entwicklungsstand dort sicher stillstehen.

In Wirklichkeit aber gleicht der Praxisweg einem langen und extrem rutschigen Pfad einen Abhang hinauf. Stoppen wir bei dessen Besteigung nur für einen Moment, fangen wir sofort wieder an herunterzurutschen.

Falls wir also keine Freude im Heilsamen entwickeln können, so lehrt uns der Buddha, werden wir unweigerlich unsere Freude im Unheilsamen finden.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Shitou 石头

Aus deiner Vergangenheit lernen/Learning from your past

Erinnere dich an eine schlechte Angewohnheit, die dir in der Vergangenheit große Unannehmlichkeiten bereitet hat, von der du aber heute frei bist.

Erinnere dich, wie es damals schien, als ob diese Angewohnheit für immer Teil deines Lebens sein würde, dass sie ein Teil von dem wäre, wer du bist. Nun aber ist sie fort.

Frage dich: wenn diese negative Eigenschaft durch die Praxis des Dhamma aus meinem Leben verschwinden kann, warum können dann nicht auch andere schlechte Gewohnheiten, die noch da sind, verschwinden?

Erinnere dich an eine gute Angewohnheit, die dir momentan Glück und Freude ins Leben bringt, aber die vorher in dir nicht präsent war.

Ruf dir bitte ins Gedächtnis, wie du es vor einigen Jahren kaum für möglich hieltest, dass diese gute Eigenschaft in deinem Leben präsent sein kann, wie sie es heute ist.

Frage dich: wenn diese gute Eigenschaft durch die Praxis des Dhamma in mein Leben treten kann, warum können dann nicht auch andere gute Eigenschaften auftauchen, die jetzt noch nicht präsent sind?


Es gibt keine vorbestimmte Zukunft. Es gibt keinen Gott mit einem Plan für dich. Dinge im Leben verbessern oder verschlechtern sich gemäß deiner Handlungen. So einfach ist es, oder so schwierig, je nachdem.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Biao Yuguo 俞国彪


Hier ist immer jetzt/Where now is always here

Wo auch immer dein Körper in der Welt gerade sein mag, in deinem Gewahrsein bist du immer hier.

In welcher Zeitzone der Welt sich dein Körper auch befindet, in deinem Gewahrsein ist es immer jetzt.

Komme deshalb immer wieder zurück zu diesem Gefühl von genau hier, genau jetzt, und wo immer du auch hingehst, wirst du frei sein von Gefühlen der Verwirrung, Angst und Einsamkeit. Ein klares Gegenwartsgewahrsein wird immer deine Zuflucht sein.

Ajahn Jayasāro

Chinese Artwork by Biao Yuguo 俞国彪

Strategisch Loslassen/ Strategically letting go

Ein wesentlicher Teil unseres Geistestrainings besteht darin, Erinnerungen und Vorstellungen loszulassen und immer wieder zu unserem Meditationsobjekt zurückzukehren.

Aber wie genau lassen wir das Festhalten an solchen mentalen Ablenkungen los? Denn sollten wir sie einfach schroff beiseite fegen und den Geist zurück auf das Objekt zwingen, bleiben wir oftmals mit einem Gefühl unerledigter Angelegenheiten zurück. Nicht lange und der Geist ist wieder zu den ablenkenden Gedanken zurückgeeilt.

Sobald sich der Geist der gedanklichen Ablenkung bewusst wird, besteht eine effektivere Strategie darin, sie einfach für einen Moment – ohne Abneigung – in vollem Gewahrsein zu halten. Dabei können wir sie als bloße Gedanken erkennen, und sie dann mit ganzem Herzen und ohne Reue loszulassen.

Erinnere dich daran, dass, egal wie faszinierend und unterhaltsam ein Gedanke auch sein mag, er dich letztendlich nur wieder in eine Sackgasse führt.


Kein vergänglicher Gedanke vermag es jemals, dich an dein wahres Ziel zu bringen: zur völligen Befreiung.


Ajahn Jayasāro

 


Immer noch Gefühl/ Still a feeling

Nicht selten klagen Meditierende darüber, sich wie am Ende einer Sackgasse zu fühlen, sobald sich ihr Geist beruhigt und in einen Zustand der Leere eintritt. Ihr Fehler hierbei aber liegt darin, dass sie die erfahrene Ruhe, die sich aus der Abwesenheit von Bildern und Worten im Geist ergibt, als eine Ebene des Samādhi interpretieren. Es sollte daher verstanden werden, dass dieses neutrale, indifferente Gefühl nicht ein nichts ist. Es ist ein etwas, das als solches erkannt werden muss. Die Aufmerksamkeit sollte deshalb auf die Gemütsstimmung gelenkt werden, auf die Textur des Geistes, auf die geistige Leinwand an sich, auf der die Erfahrungswelt gemalt wird. Verbleibt auch nur die feinste Starrheit oder Stumpfheit im Geist, so ist der Meditierende immer noch im Reich der Hindernisse gefangen. Eine etwas stärkere, energetischere Anstrengung muss unternommen werden. Die Identifikation mit neutralen Gefühlen ist aufzugeben. Klarheit und Unterscheidungsvermögen im Erkennen der diversen Geisteszustände muss gefördert werden.

Ajahn Jayasaro

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Chronisches Wenndann/ Chronic Lack Management

Unserem Leiden liegt ein chronisches Mangelgefühl zugrunde, ein Gefühl, dass irgendetwas einfach nicht ganz stimmt. Dies führt dazu, dass wir Glück und Wohl im Lichte eines “wenn-dann”-Verhältnisses sehen: wenn ich das bekomme, dann werde ich glücklich sein. Der buddhistische Praktizierende aber sollte dieses Gefühl des Mangels untersuchen und sich die Frage stellen: ‘Was ist es gerade jetzt, genau in diesem Moment, das mich daran hindert, im Frieden mit mir zu sein?’

Ajahn Jayasaro

Artwork by Shitou 石头

Welt, die uns bleibt/ World that counts

Gestern als ich meine Mutter im Krankenhaus besuchte, lag eine ältere Frau im Bett nebenan, die starr vor sich in den Raum blickte und immer wieder und wieder Zeilen eines alten Elton John Liedes wiederholte:

Es ist so traurig, so traurig
[It’s sad, so sad (so sad)]
Eine traurige Situation
[It’s a sad situation]
Und sie wird immer absurder.
[And it’s getting more and more absurd.]

Manchmal wechselte sie zu anderen Liedern, die meistens mit dem Refrain “Nein, nein, nein [No, no,no]” begannen, wie in “Nein, nein, nein, ich werde es nicht mehr tun [no, no, no I won’t do anymore]”. Die alte Dame rezitierte ihre Worte ohne sichtbare Emotionen. Meine Mutter, die nicht mehr so gut hört, dachte, die Dame würde singen. “Sie hört nie auf” sagte meine Mutter, “nicht mal nachts”.

Als ich so im Krankenhaus saß, reflektierte ich darüber, wie jeder einzelne von uns, Moment für Moment, die innere Welt kreiert, in der er lebt. Wenn wir das Ende unseres Lebens erreichen, und unser Kontakt zur äußeren Welt immer schwächer wird, ist unsere innere Welt, das einzige was uns bleibt.

Wie wichtig ist es also, mit Ausdauer und Beständigkeit durch die Dhamma-Praxis eine helle und glückliche innere Welt zu schaffen.

Ajahn Jayasaro

artwork by Shitou 石头

Wille zum Wandel?/Willingness to change

Niemand wird sein Verhalten ändern, solange er die Notwendigkeit für einen Wandel nicht selbst erkennt und fühlt. Egal wie viel wir uns auch um einen Menschen kümmern und sorgen sollten, wir können ihn nicht dazu bringen, sich zu ändern. Was wir aber tun können, ist jenen Menschen zu ermutigen, über das resultierende Leiden seiner Handlungen, seiner Rede und seiner Gedanken zu reflektieren und sich die Vorteile bewusst zu machen, die aus einer möglichen Veränderung hervorgehen werden. Du kannst sie also zum Wandel inspirieren. Du kannst sie dazu ermutigen, dass sie die Fähigkeit besitzen, sich zu ändern. Falls sie sich ändern wollen und zudem glauben, dass sie sich ändern können, und sie dich dann um Rat und Unterstützung bitten, diesen Wandel durchzuführen, dann helfe ihnen so gut du kannst.Ajahn Jayasaro

Garden of the Heart/ Herzensgärtnerei

Gute Dinge im Garten wachsen üppig, wenn der Gärtner fleissig daran arbeitet, den Garten frei von Unkraut zu halten.

Unser Herz gleicht einem Garten. Tugendhafte Qualitäten werden dann gut in unserem Herzen gedeihen und blühen, wenn wir uns unermüdlich darum bemühen, es frei vom Unkraut der Geistestrübungen zu halten.

Ajahn Jayasāro

Protection from bad Kamma/ Schutz vor schlechtem Kamma

Die buddhistischen Tugendregeln sind keine Gebote. Es gibt keinen Gebieter. Die Motivation, diese Verhaltensregeln einzuhalten, ist nicht der Wunsch nach Belohnung oder Angst vor Bestrafung. Die Tugendregeln sind Objekte der Achtsamkeit, die aus freiem Willen selbstständig aufgenommen werden müssen, nachdem deren Wert deutlich erkannt wurde. Das Einhalten von Tugendregeln fördert sowohl ein sicheres und vertrauensbildendes Umfeld, als auch eine innere Freiheit von Schuld- und Reuegefühlen.

Im täglichen Leben, wo die Anzahl der Grauzonen bei weitem die der klar schwarz-weiß Verhältnisse übersteigt, bietet die Achtsamkeit von Tugendregeln klare Richtlinien für unser körperliches und sprachliches Verhalten. Sie wirken unserer Tendenz entgegen, immer unseren Stimmungen und Launen zu folgen und den Verblendungen Rechtfertigungen zu geben. Die Befolgung der Tugendregeln bewahrt uns vor schlechtem Kamma und dessen Resultaten.

Ajahn Jayasāro

Wise about Conventions/ Konventionsweisheit

Es gibt keinen natürlichen Grund, warum rot »halten« und grün »fahren« bedeuten sollte. Und doch, sobald wir eine Ampel erreichen, halten wir bei rot und fahren bei grün.

Wir tun dies, da wir alle der Bedeutung von rot und grün in diesem Kontext zustimmen. Es gibt so viele Dinge in unserem täglichen Leben, die von einer gemeinsam geteilten Abmachung abhängen.

Ein anderes offensichtliches Beispiel ist Geld. Es gibt da keinen natürlichen Grund, warum wir eine Banknote für Güter oder Leistungen eintauschen können sollten. Wir können dies tun, da wir alle zustimmen, dass dies zu tun möglich sei. Eine Sache, die aufgrund eines gemeinsamen Abkommens existiert, nennt man Konvention.

In der Fähigkeit, Konventionen zu schaffen, erkennen wir die Genialität menschlicher Intelligenz. Unser Problem mit Konventionen allerdings liegt darin, dass wir dazu neigen, sie mit natürlichen Wahrheiten zu verwechseln. Wir schreiben ihnen zu große Bedeutung zu, haften ihnen an und leiden deshalb.

Die fundamentalste unserer Konventionen und die, der wir am meisten anhängen, ist die Vorstellung von einem Selbst. Im Buddhismus lehnen wir Konventionen nicht ab. Wir lernen aber, Konventionen als Konventionen zu sehen, ohne sie für letztendlich real zu halten.
Dadurch sind wir in der Lage, Konventionen weise zu nutzen. Wir können dann in einer Welt der Konventionen leben, ohne dabei von ihnen verblendet zu werden.

Ajahn Jayasāro

Artwork by Shitou

Childcare/Geistes Kind

Erziehe deinen Geist, als würdest du ein Kind erziehen: mit großer Geduld, Intelligenz, und Liebe. Verhält sich ein Kind schlecht oder durchaus dumm, werden gute Eltern nicht ärgerlich, noch panisch, oder entmutigt. Das einzige Interesse der Eltern liegt im Wohle des Kindes. Zu manchen Zeiten müssen die Eltern streng sein, selbst wenn es das Kind jähzornig macht, zu anderen Zeiten müssen sie milder sein. Je achtsamer Eltern sind, desto besser werden ihre Fähigkeiten in der Kindeserziehung. Erziehe deinen Geist, als würdest du ein Kind erziehen.

Ajahn Jayasāro

Choose and Commit/ Qual der Wahl

Im Leben keine Wahlmöglichkeiten zu haben ist bedrückend. Aber zu viele zu haben, kann uns lähmen. Sind die Wahlmöglichkeiten oder Alternativen aus denen wir uns entscheiden können, zu zahlreich, kann es sein, dass wir aus Angst, die falsche Entscheidung zu tätigen oder nicht die allerbeste Wahl treffen zu können, uns schlussendlich für überhaupt nichts entscheiden.
Heutzutage stehen uns so viele buddhistische Lehren und Traditionen zur Verfügung. Einerseits ist es wunderbar, dass wir in der modernen Welt mit solch einfacher Leichtigkeit Zugang zum Dhamma bekommen können. Dieser einfache Zugang bringt anderseits aber auch seine ihm eigenen Gefahren mit sich. Denn können wir Dhamma nur durch einen kurzen Fingerwisch über den Bildschirm an- und ausschalten, dann laufen wir Gefahr, rein passive Konsumenten des Dhamma zu werden, anstatt seine Schüler.
Der Dhamma fordert uns dazu auf, seine zu Verfügung gestellten Mittel anzuwenden, um für unser eigenes Leben Verantwortung zu übernehmen. Entscheide dich für einen Weg und lerne Dhamma, indem du diesem Weg treu bleibst durch gute und durch schlechte Zeiten.

Ajahn Jayasāro

The Tides of Worldliness/ Gezeiten der Weltlichkeit

Wo Gewinn ist, da ist Verlust.

Wo Status ist, da ist Statusverlust.

Wo Freude ist, da ist Schmerz.

Wo Lob ist, da ist Tadel.

Wir wünschen uns Gewinn, Status, Freude und Lob. Wir fürchten und hassen ihr Gegenteil. Aber diese Dinge sind unzertrennlich. Je mehr wir uns an die unbeständigen Zustände klammern, die wir mögen, desto mehr leiden wir, wenn diese verschwinden.

Gewinne und Verluste kommen und gehen wie Ebbe und Flut. Sie besitzen keinerlei Stabilität. Die weise Person nimmt nichts für fest gegeben, und ist zu Zeiten von Gewinn nicht davon berauscht, und zu Zeiten des Verlustes nicht darüber verzweifelt.

Ajahn Jayasāro

Wise about keeping vows/ Gelübte mit Weisheit halten

Während der dreimonatigen Regenzeitklausur der Mönche und Nonnen versuchen sich Laienbuddhisten oftmals in der strikteren Befolgung ihrer Ethikregeln. Erfolge aber variieren. Unter denen, die scheitern, können drei Reaktionsweisen beobachtet werden. Diese können uns reichlich Aufschluss über die Mechanismen unseres Geistes geben, wie sie funktionieren, wenn wir unsere gefassten Gelübde oder Entschlüsse nicht einhalten können:

a) »Nein, hab meinen Entschluss nicht gebrochen. Nicht wirklich!«

Wir brechen unser Versprechen, aber weigern uns, es einzugestehen. Üblicherweise bedeutet das, den Schwur umzudefinieren. Zum Beispiel sagen wir, dass die Ethikregel in Wirklichkeit ja nicht allen Konsum von Alkohol verbietet, sondern nur das Bedrunkensein.

b) »Ja, habs gebrochen. Aber…«

Wir brechen ein Gelübde, aber versuchen seine Wichtigkeit herunterzuspielen. Zum Beispiel : »OK, ja ich hab da einmal gelogen, aber es war nur eine kleine Lüge, sie war nicht mal von böswilliger Absicht, und überhaupt, zu strikt zu sein mit diesen Dingen ist ja nicht der Mittlere Weg.«

c) »Ja, hab es gebrochen. Und…«

Wir brechen unser Gelübde, aber feilschen mit uns selbst, um uns besser zu fühlen. Zum Beispiel »OK, ja ich hab mein Gelübde gebrochen, und deshalb werde ich es in Zukunft umso strenger einhalten.«

Gelübde erfolgreich zu halten, verlangt von uns ein Gewahrsein von der Trickhaftigkeit unseres Geistes. Werde nicht von ihm reingelegt. Falls du ein Gelübde brechen solltest, dann gib nicht auf. Lerne aus deinen Fehlern und beginne demütig von neuem.

Ajahn Jayasāro

You are not your feelings/ Ein Gefühl ist ein Gefühl ist ein Gefühl

Wir nehmen unsere Launen und diversen Stimmungen viel zu wichtig. Fühlen wir uns zu dumm, dann folgern wir daraus, wir seien dumm. Fühlen wir uns gut, folgern wir daraus, alles sei gut. Fühlen wir uns gelangweilt, schließen wir daraus, unsere Situation sei langweilig. Wir fühlen uns depressiv, und schließen daraus, unser Leben sei deprimierend.
Halte nicht an deinen Vorstellungen fest, wie du dich fühlen oder nicht fühlen solltest. Schaue einfach, wie du dich jetzt gerade fühlst und sehe das als ein Gefühl – nicht mehr und nicht weniger. Ein Gefühl ist nicht wer du bist. Ein Gefühl ist nicht notwendigerweise ein Abbild davon, wie dein Leben ist.

Ajahn Jayasāro

The great equalisers/ Die Gleichmacher

Es ist normal für uns, zu stark auf das zu fokussieren, was uns verschieden voneinander macht. Dieses Überbetonen führt zu Arroganz, Unsicherheit, Vorurteilen und Furcht.
Als Buddhisten versuchen wir, dieses Ungleichgewicht zu vermeiden, indem wir beharrlich zu einem Gewahrsein der Dinge zurückkehren, die uns alle vereinen. Wir reflektieren über die einfache, unbestreitbare Wahrheit, dass wir alle ohne Ausnahme Leidensgenossen in Geburt, Altern, Krankheit und Tod sind.

Jeder will glücklich sein.

Keiner will leiden.

Wir leugnen nicht die Unterschiede oder ignorieren sie. Aber wir erkennen sie im Kontext unserer gemeinsamen Natur als fühlende Wesen in einer herausfordernden und zerbrechlichen Welt.

Ajahn Jayasāro

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